Letztes Update am Mo, 03.11.2014 19:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wirtschaftspolitik

Von einem Mann, der auszog, die Welt zu verstehen (und zu erklären)

Der Amerikaner Michael Goodwin hat eine kleine Geschichte unseres Wirtschaftssystems als Comic veröffentlicht.



Von Floo Weißmann

New York – Wie funktioniert Kapitalismus? Was passiert, wenn eine Blase platzt? Warum werden die einen reicher und die anderen ärmer? Welche Rolle spielt dabei die Politik? Und was bedeutet das alles für unseren Planeten?

Diese Fragen betreffen alle, aber die Antworten bleiben meist versteckt in der Formelsprache der Ökonomen. „Es gibt hier eine ganze Geschichte, die noch niemand von Anfang bis Ende erzählt hat“, befand der New Yorker Michael Goodwin, der eigentlich als Werbetexter arbeitet. Eines Tages beschloss er, diese Geschichte selbst systematisch zu erforschen und aufzuschreiben. Das Ergebnis hat er in dem Buch „Economix“ vorgelegt.

Wir treffen den 47-Jährigen in einem Taco-Lokal in der Lower East Side von Manhattan. Nur ein paar Häuserblocks weiter liegen Chinatown, Little Italy und andere alte und neue Einwandererviertel. Goodwin ist in diesem Mikrokosmos aufgewachsen, hat Chinesisch studiert, aber nie etwas damit gemacht, wie er bekennt. Geblieben sind die Offenheit für die Welt und das Bedürfnis zu verstehen, was sie antreibt.

Letztlich gehe es immer irgendwie um Wirtschaft, sagt Goodwin. Aber die meisten wirtschaftlichen Modelle greifen zu kurz und viele Ökonomen hegen selbst Zweifel, meint er. Der Autor vergleicht das mit der katholischen Kirche, in der angeblich viele Amtsträger nicht an Gott glauben. „Aber die Institution hat trotzdem Bestand. Die gehen nicht einfach nach Hause.“

Sein „Economix“ folgt keiner bestimmten Lehrmeinung, sondern liefert eine Zusammenschau der wichtigsten Wirtschaftstheorien – verwoben mit Geschichte, Politik und Einsichten über die Natur des Menschen. Es ist ein Ökonomie-Einsteigerbuch für Laien und zugleich eine Protestschrift gegen die Ausbeutung von Menschen und Umwelt. „Die Leute wissen nicht, wie unser System funktioniert und wie die Politik so vermasselt worden ist“, sagt Goodwin.

Am meisten beschäftigt er sich mit den Vereinigten Staaten. Aber die Grundlagen des Kapitalismus und die Probleme, die daraus entstehen, gelten auch anderswo. In gewisser Weise hat Goodwin einen Auszug aus der Weltgeschichte geschaffen – erzählt aus dem Blickwinkel eines Mannes, der selbst nicht zu den akademischen Eliten gehört.

Und erzählt vor allem in der Form eines Comics (gezeichnet von Dan Burr) – samt dem Witz und der Leichtigkeit, die dazugehören. „Niemand fühlt sich von Comics eingeschüchtert“, sagt Goodwin. Er selbst führt mit dunklem Schopf und Brille als eine Art Erzähler durch die Bilderstraße.

Goodwin hat lange nebenbei an dem Projekt gearbeitet. Weitere eineinhalb Jahre verbrachte er zurückgezogen mit Büchern in einem Dorf in Indien. „Ich habe viel geopfert – meine gesamten Ersparnisse und eine mehrjährige Beziehung“, sagt er. Trotzdem war es das für ihn wert, wie er beteuert – inzwischen ist schon ein zweites Buch in Vorbereitung. Es gebe nur ein Problem, sagt Goodwin: „Ich habe viel darüber gelernt, wie kaputt unsere Welt ist. Einiges hätte ich lieber nicht gewusst.“

Buchtipp Economix. Wie unsere Wirtschaft funktioniert (oder auch nicht). Jacoby & Stuart, 304 Seiten, 20,60 Euro.




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