50 Jahre diplomatische Kontakte zwischen Deutschland und Israel

Berlin/Tel Aviv (APA/dpa) - Am Dienstag kommender Woche ist es 50 Jahre her, dass Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen aufnahmen...

Berlin/Tel Aviv (APA/dpa) - Am Dienstag kommender Woche ist es 50 Jahre her, dass Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen aufnahmen. Man nennt sich Freunde, aber es ist immer noch eine schwierige Beziehung. Und die nächsten Monate dürften nicht einfacher werden.

Den Tag, an dem er Deutschlands erster Botschafter in Israel wurde, vergaß Rolf Friedemann Pauls nie wieder. Auf seiner ersten Dienstfahrt durch Jerusalem wurde Pauls, Jahrgang 1915, mit Tomaten, Flaschen und Steinen beworfen. Aus einer Menge von mehreren tausend Leuten ertönte der Ruf „Nazis raus“. Pauls diente, bevor er Diplomat wurde, als Offizier in der Wehrmacht. Er bekam auch das Ritterkreuz. Ein Nazi, nach allem, was man weiß, war er nie.

Aber alles andere als wütende Proteste gegen den ersten Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland im damals noch ziemlich jungen jüdischen Staat wäre wohl ein Wunder gewesen. Der Zweite Weltkrieg und die Vernichtung von sechs Millionen Juden durch Nazi-Deutschland lagen erst zwei Jahrzehnte zurück. Von einer Aussöhnung war man weit entfernt.

Einer der damaligen Demonstranten war Reuven Rivlin, Israels heutiger Präsident. Wie sehr sich das Verhältnis in einem halben Jahrhundert gewandelt hat, zeigt der letzte Satz einer Rede, die er vergangenes Jahr zum deutschen Nationalfeiertag hielt: „Gott segne Deutschland.“

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Am Dienstag (12. Mai) ist es nun genau 50 Jahre her, dass Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen aufnahmen. Das Jubiläum wird groß gefeiert. Hier und dort gibt es Jugendbegegnungen, Lesungsreihen, Ausstellungen, Konzerte. Und ausgerechnet Rivlin kommt nun, auf Einladung von Bundespräsident Joachim Gauck, für vier Tage zum Staatsbesuch. Wenn auch vieles inzwischen normal geworden ist, eine schwierige Beziehung ist es noch immer.

Als das Verhältnis vor einem halben Jahrhundert offiziell wurde, gab es zwischen den fast gleichaltrigen Staaten bereits vielerlei Kontakte. Seit 1952 existierte auch schon ein Abkommen, in dem sich die Bundesrepublik Deutschland zur „Wiedergutmachung“ verpflichtete. Im März 1960, im Hotel „Waldorf-Astoria“ in New York, auf neutralem Boden, fand das Treffen zwischen dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Israels Staatsgründer David Ben-Gurion statt.

Die beiden älteren Herren verstanden sich gut. Doch vor dem Austausch von Botschaftern schreckte Adenauer als Kanzler zurück. Das hatte weniger mit der Geschichte als mit deutsch-deutschen Besonderheiten zu tun. Der andere deutsche Staat, die DDR, lehnte jede Anerkennung Israels ab. Adenauer fürchtete, dass die offizielle Aufnahme von Beziehungen zu Israel arabische Staaten dazu verleiten könnte, die DDR anzuerkennen. Dies hätte die Bundesrepublik Deutschland wiederum zum Abbruch ihrer Kontakte zu diesen Staaten gezwungen. So kompliziert war das damals.

Erst Adenauers Nachfolger Ludwig Erhardt entschloss sich im Frühjahr 1965, das Verhältnis auf eine offizielle Grundlage zu stellen. Zuvor war bekannt geworden, dass Israel schon seit Jahren Waffen aus der Bundesrepublik Deutschland bekam. Den Deal hatte der zwischenzeitliche Verteidigungsminister Franz Josef Strauß schon 1956 mit Israels späterem Regierungs- und Staatschef Shimon Peres eingefädelt.

Im Lauf der Jahrzehnte entwickelte sich zwischen Bonn/Berlin und Jerusalem/Tel Aviv dann doch ein einigermaßen ordentliches und sogar freundschaftliches Verhältnis. Mit keinem anderen Land im Nahen und Mittleren Osten ist Deutschland so eng verbunden. Israel ist in der Region immer noch die einzige funktionierende Demokratie. Seit 2008 treffen einander die Regierungen regelmäßig zu Konsultationen, mal hier, mal da.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sprach kürzlich von einer „fast unmöglichen Erfolgsgeschichte“. Der ehemalige israelische Botschafter in Berlin, Shimon Stein, meint sogar, die Aussöhnung zwischen Deutschen und Israelis käme einem „Wunder“ gleich.

Aber auch über die Politik hinaus gibt es immer mehr Kontakte. Nie zuvor waren die Verbindungen in Kunst und Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft so eng. Deutschland ist Israels drittgrößter Handelspartner, Israel rangiert in Deutschland auf Platz 41. Ein Schwerpunkt ist die Rüstungsindustrie - schon seit Strauß und Adenauer. Vom Grundsatz, nicht in Spannungsgebiete zu liefern, wird für Israel schon lange eine Ausnahme gemacht.

Demnächst wird vermutlich das fünfte von sechs hochmodernen U-Booten aus deutscher Produktion ausgeliefert, die von den Israelis mit Atomwaffen bestückt werden können. Die Verträge dazu stammen noch aus den Zeiten des früheren deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl, wurden von allen Nachfolgeregierungen aber ohne jede Diskussion eingehalten. Umgekehrt hat die deutsche Bundeswehr großes Interesse an israelischer Drohnentechnologie.

Für deutsche Start-Up-Firmen ist nur das Silicon Valley in den USA interessanter als Israels „Silicon Wadi“ - eine Anhäufung innovativer Firmen im Großraum Tel Aviv. Und immer mehr israelische „Hi-Techistim“ suchen ihr Glück in Berlin. Zudem existieren mehr als 100 Städtepartnerschaften zwischen den beiden Ländern.

Fast 200.000 Deutsche waren im vergangenen Jahr in Jerusalem zu Besuch. Umgekehrt war jeder vierte Israeli schon einmal in Deutschland. Zudem gibt es derzeit einen regelrechten Berlin-Hype. Nach Schätzungen leben bis zu 30.000 Israelis mehr oder weniger dauerhaft in der deutschen Hauptstadt.

Einer von ihnen war Naor Narkis. Der 26-Jährige erlangte durch einen billigen Schokopudding Berühmtheit, den er für 19 Cent in einer Aldi-Filiale gekauft hatte. In Tel Aviv ist der gleiche Pudding dreimal so teuer. Auf einer Facebook-Seite namens „Olim L‘Berlin“ rief Narkis dazu auf, das teure Israel zu verlassen und nach Deutschland zu ziehen. Darf man das? Wilde Debatten waren die Folge. Inzwischen ist Narkis wieder zurück in Tel Aviv.

Aber auch für Israelis, die noch nie dort waren, ist Deutschland zum gelobten Land in Europa geworden. Nach einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung haben mehr als zwei Drittel eine positive Meinung von der Bundesrepublik Deutschland. Kein anderes europäisches Land steht besser da.

Daran hat auch Angela Merkel ihren Anteil - „Ha-Kanzlerit“, wie sie respektvoll auf Hebräisch genannt wird. Merkel hielt 2008 vor dem israelischen Parlament, der Knesset, eine Rede, die bis heute ihre Wirkung entfaltet. Die CDU-Vorsitzende bezeichnete Deutschlands historische Verantwortung für die Judenverfolgung als „Teil der Staatsräson meines Landes“. Israels Sicherheit werde für sie „niemals verhandelbar“ sein. So deutlich hatte man das von einem deutschen Regierungschef noch nie gehört.

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck vermied fünf Jahre später solche Worte. Vermutlich gab er damit das Stimmungsbild der Deutschen besser wieder. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hat fast die Hälfte der Deutschen eine negative Meinung von Israel. In der jüngeren Generation sind es sogar noch mehr. 55 Prozent vertreten die Ansicht, dass es nun an der Zeit sei, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen.

Überschattet werden die Beziehungen durch antisemitische Vorfälle, die es in Deutschland immer noch gibt. Vergangenes Jahr wurden offiziell 864 gezählt, zehn Prozent mehr als 2013. Auch im vermeintlich so weltoffenen Berlin werden Juden auf offener Straße angepöbelt oder in der U-Bahn zusammengeschlagen. Israels Botschaft wird massiv bewacht, ebenso wie die Jüdische Oberschule oder die Berliner Synagogen.

Beinahe zwei Drittel der Deutschen bewerten die Politik von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu negativ. Die größten Kritikpunkte: der Siedlungsbau in den besetzten Gebieten und die Weigerung, einen palästinensischen Staat anzuerkennen. Im jüngsten Wahlkampf stellte sich Netanyahu so klar dagegen wie noch nie. Offizielle deutsche Position hingegen ist, dass am Verhandlungstisch eine Zwei-Staaten-Lösung gefunden werden muss.

Auch Merkel hat mit Netanyahu ihre Probleme. Mehrfach - zuletzt bei ihrem jüngsten Israel-Besuch vergangenes Jahr - gab sie nach Begegnungen zu Protokoll: „Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind.“ Bekannt ist auch, dass die beiden am Telefon des Öfteren schon lautstark aneinandergerieten. Als Palästina 2012 bei den Vereinten Nationen zum „beobachtenden Nicht-Mitgliedsstaat“ aufgewertet wurde, stimmte Deutschland nicht dagegen, enthielt sich aber der Stimme. Den Ärger nahm Merkel in Kauf.

Auch anderswo in der deutschen Politik ist der Frust über den Stillstand im Nahost-Friedensprozess inzwischen groß. Selbst Israel-Freunde plädieren dafür, eine härtere Gangart gegen Netanyahu einzuschlagen. Nach seiner Wiederwahl dürften die Schwierigkeiten nicht kleiner werden. Mit seiner neuen rechts-religiösen Koalition ohne gemäßigte Partner schrumpfen die Chancen auf eine Wiederbelebung des Friedensprozesses weiter. Denn in der Regierung sitzen nun auch rechte Hardliner, die nicht nur eine Zwei-Staaten-Lösung ablehnen, sondern am liebsten weitere Siedlungen bauen würden.

Die Nahost-Expertin der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Muriel Asseburg, meint: „In den kommenden Monaten dürfte das bilaterale Verhältnis weiter unter Druck geraten. Die Chancen für eine aussichtsreiche Wiederaufnahme des Friedensprozesses mit den Palästinensern sind gleich null.“

Zu einer einseitigen Anerkennung Palästinas wäre die deutsche Regierung keinesfalls bereit. Aber sie könnte zum Beispiel - bisher ein Tabu - die Rüstungsexporte einschränken. Das würde Israel ziemlich treffen. Andere fordern, dass die Regierung daran mitwirkt, dass es einen verbindlichen Zeitplan für die Zwei-Staaten-Lösung gibt.

Israels Ministerpräsident verübelt den Deutschen auch, dass sie beim Grundsatz-Kompromiss im Atomstreit mit dem Iran dabei waren, aus dem nun in den nächsten Wochen ein endgültiges Abkommen werden soll. Netanyahu sieht die Existenz seines Landes in Gefahr, sollte der Iran in den Besitz einer Atombombe kommen. Dabei verweist er auch immer wieder auf den Holocaust.

Deutsche und Israelis haben aus dem Holocaust völlig gegensätzliche Lehren gezogen. Das Motto in Deutschland heißt „nie wieder Täter“, in Israel heißt es „nie wieder Opfer“. Mit dem Willen, Feinden nie wieder schutzlos ausgeliefert zu sein, lässt sich auch ein gewisser Militarismus in Israel erklären. Für manche Deutsche ist das nur schwer zu verstehen.

Wichtigster Teil von Israels Erinnerungskultur waren immer die Zeitzeugen. Doch sie sterben allmählich aus. Damit wird es immer schwieriger, die Erinnerung lebendig zu halten. In Israel gibt es nach Schätzungen noch rund 189.000 Holocaust-Überlebende. Nicht wenige kehrten inzwischen an die Stätten ihrer schrecklichen Leiden zurück, wie erst kürzlich zu den 70-Jahr-Feiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Der Journalist Ofer Aderet von der linksliberalen Tageszeitung „Haaretz“ ist keiner von ihnen, aber er hat mit Unterbrechungen zwei Jahre lang in Berlin gelebt. „Am Anfang war ich sehr begeistert von Deutschland, ich war von Berlin fasziniert und lernte intensiv Deutsch“, berichtet er. Mit der Zeit seien ihm jedoch auch negative Dinge aufgefallen. Viele Deutsche hält er für unterkühlt und übertrieben förmlich. „Ich weiß, man darf nicht verallgemeinern, aber ich konnte nach einer Weile diese Kälte und Verschlossenheit nicht mehr ertragen.“

Schließlich ging Aderet zurück nach Tel Aviv, „um den Morgen mit Sonne und einem Lächeln zu beginnen“, wie er sagt. Der Journalist kritisiert auch das Verhalten vieler deutscher Politiker, „die ständig anderen Moral predigen“. „Wie kommen sie dazu, dem Rest der Welt und auch Israel sagen zu wollen, wie sie sich zu verhalten haben?“ Aderet findet, es sei an der Zeit für einen „neuen Realismus“. Die Beziehung könne ohnehin „nie normal“ sein.

So ähnlich hatte das auch schon Rolf Friedemann Pauls gesagt, Deutschlands erster Botschafter in Tel Aviv. Nach seinem ersten halben Jahr auf dem Posten erklärte er: „Eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Deutschen und Juden kann man nicht „machen“. Sie muss wachsen. Das ist ein mühsamer Prozess, der sich über Generationen hinziehen wird.“ Pauls selbst erlebte das nicht mehr. Er starb 2002.


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