Das alte Puppenspiel von Liebe, Tod und Teufel

Am Tiroler Landestheater wird die Neuinszenierung von Charles Gounods Oper „Faust (Margarete)“ in französischer Sprache gezeigt.

© TLT/Larl

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Germanisten mögen noch immer die Hände ringen über dem Libretto: Charles Gounods „Faust“ ist eine prachtvolle Oper mit wirkungsvollen Tableaus, glänzender Orchestrierung, herrlicher Melodik und zartgesponnener Lyrik. Die Handlung beschränkt sich auf die von Mephistopheles ins Verderben geführte Liebesgeschichte, eine Story von Liebe, Tod und Teufel. Die Figur der Margarete beschäftigte Gounod seit jeher, ihr schenkte er eine anrührende Entwicklung vom unschuldigen Mädchen über die aufblühende Liebende zur sinnverwirrten Gefangenen, die in intuitiver Abwehr dramatisch ihren Glauben gegen das Böse verteidigt. Faust bleibt bei Gounod, obwohl drastisch verjüngt und erstmals mit echter Liebe konfrontiert, eindimensionaler. Mephistopheles gab der Komponist, was den Bässen in dieser Partie zusteht, Skrupellosigkeit, Ironie, Menschenerschrecken. Und doch hat Gounod auch Goethe gestreift: in der Figur der Margarete und in der Ouvertüre, die man durchaus als Vorspiel zum ersten Bild im Studierzimmer des alten Faust hören darf: depressiv in der Grundstimmung, dunkel beschwert, um sich kreisend, erst mit der Harfe kurz aufsteigend.

So hat Clemens Schuldt, der junge Dirigent, begonnen und mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck sinnfällig weitergemacht: Handlungen gezeichnet und kommentiert, Stimmungen gemalt, Charaktere und Volksszenen detailliert geprägt, Emotion hörbar gemacht – Spannung erzeugt. Dies und die Soli aus dem Orchester auf der Habenseite, dagegen die öfter (2. Akt) löchrige Koordination zur Bühne und das phasenweise schwerfällige Orchester. Hervorragend die Besetzung: Heg­e Gustava Tjonn mit ihrem reizvollen Timbre als leuch­tende Margarete, stets dicht am Text, die großartig ihre Entwicklung nachzeichnet und ein fulminantes Finale singt. Eric Laportes Tenor geht im Faust sehr schön und wirkungsvoll auf, sein Spiel kann man verhalten nennen. Shavleg Armasi mit seinem jungen, schlanken Bass macht mit dem Mephistopheles keinen Alleingang und setzt sich trotzdem durch. Als Valentin kann Daniel Raschinsky seinen individuell gefärbten Baritonklang gepflegt einsetzen, als Siebel lässt Katharina Höres aufhorchen. Jannis Dervenis singt den Wagner, wenig Profil in Stimme und Spiel zeigt Diana Selma Krauss als Marthe.

Orchester, Solisten und der riesige Chor, der unter Michel Roberges Leitung Beachtliches leistet, sind Motor der Aufführung. Die Szene verantworten Urs Häberli (Regie), Thomas Dörfler (Bühne) und Ursula Beutler mit ihren Kostümen in Weiß- und Steinschattierungen, Rot für das Böse. Das Studierstubenbild wird beherrscht von einer Gitterstruktur, die den über seinen Wissenschaften verzweifelnden Faust gefangen hält, die zuletzt auch Margaretes Kerker bildet. Ein eindrucksvolles Konzept, erweitert um kosmische Projektionen, das dann zurückführt in eine altmodische Konvention der mittleren Aktbilder. Zunächst in Kriegszeiten triste Jahrmarktsbuden nahe der übermächtigen Kirche, die passend zur originalen Spielzeit an das Weltbild des 16. Jahrhundert erinnert. Aber alles beengt, mit den Chormassen kann hier niemand umgehen. Vor allem missglückt: Die Gartenszene wird in die Kirche verlegt, hier findet Margarete den Schmuck und die Liebe, Mephistopheles, der vor dem Kreuz und dem Weihwasserkessel geflohen ist, schlendert hier herum und beglückt Marthe. Das sabotiert selbst den Reiz des Quartetts. Das uralte Puppenspiel von Doktor Faustus in die Jahrmarktszene einzubauen und in der sonst müden Walpurgisnacht Faust und Margaretes todgeweihte Begegnung Tim-Burton-nahe als riesiges Stabpuppenspiel nachzustellen, ist freilich eine superbe Idee.


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