37. Musikfest in Wien: Neuwirths kakanische Kakofonie zum Auftakt

Wien (APA) - Mit einer traumgleichen Reise durch das alte Kakanien ist am Samstagabend das 37. Internationale Musikfest im Rahmen der Wiener...

Wien (APA) - Mit einer traumgleichen Reise durch das alte Kakanien ist am Samstagabend das 37. Internationale Musikfest im Rahmen der Wiener Festwochen eröffnet worden: Olga Neuwirths „Masaot/Clocks With No Hands“ erlebte im Konzerthaus seine österreichische Erstaufführung in der Interpretation der Wiener Philharmoniker unter Daniel Harding. Ein fulminanter, umjubelter Festivalaufakt.

Die ursprüngliche Idee für ein Orchesterwerk zu Mahlers 100. Todestag 2011 hatte sich einst zerschlagen. Im Jahr 2015 hat es nun aber doch noch geklappt, und so hatte Neuwirths Werk für großes Orchester am Mittwoch in Köln seine Uraufführung gefeiert, ist es doch ein gemeinsamer Auftrag von KölnMusik, dem Konzerthaus, der Festwochen und der New Yorker Carnegie Hall.

„Masaot/Clocks With No Hands“ ist ein flirrendes Etwas, das von der Grundkonzeption her an Smetanas „Moldau“ erinnert. Aus einem steten musikalischen Strom tauchen wie Treibgut mit dem Neuwirth eigenen Humor immer wieder Motivfetzen von Volkstänzen aus den Ländern des alten Habsburgerreiches auf. Immer wieder eruptiert wie bei einer Achterbahn kurz vor dem Scheitelpunkt in der gehaltenen Spannung eine Volksweise. Doch kaum bitten die Blechbläser zur Dorfkirmes, versinkt das Fragment schon wieder und wallt das kakofone Tutti auf - ein Umgang mit traditionellen Waisen, der Mahler nicht unähnlich ist.

Das ganze Geschehen kommt dabei nie zur Ruhe. Wann immer das Orchester zum Stillstand kommen will, treibt ein erbarmungsloser Percussionton als Metronom zum Aufbruch. Neuwirth hat ein Werk zwischen albtraumhafter Spannung, schillernd-musikalischer Reise durch einen Kulturraum und humorvollem Spiel mit der großen Orchestermaschinerie geschaffen, das vom Konzerthaus-Publikum ebenso umjubelt wurde, wie die 46-jährige Komponistin bei ihrem Gang auf die Bühne.

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Als Pendant hatten sich die Philharmoniker für Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ entschieden, wobei Harding die Version mit Bariton anstelle von Alt präferierte. Dadurch erscheinen die sechs Lieder des Zyklus, die mit dem Tenor im Wechsel gesungen werden, wie ein Dialog zwischen altem und jungem Mann. Dabei harmonisieren die beiden Stimmen von Tenor Klaus Florian Vogt und Bariton Matthias Goerne, die beide hell ausgelegt sind. Dennoch kann Goerne zur erdigen Naturgewalt mutieren, wenn er loslegt, während Vogt stets etwas Ätherisches anhaftet, er eher ein Luftwesen bleibt. Alles in allem war das gestrige Programm, das am heutigen Sonntag wiederholt wird, mithin ein würdiger Auftakt für das Musikfest, das nun in den kommenden sechs Wochen im Rahmen der Wiener Festwochen ein buntes Spektrum an musikalischen Preziosen bieten.

So ist etwa Rudolf Buchbinder am 19. Mai mit Werken von Mozart, Beethoven und Schumann zu hören, während am 21. Mai das RSO unter Cornelius Meister mit Starviolinistin Hilary Hahn Bruch und Mahler spielt. Das Orchestra dell‘Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Antonio Pappano ist mit Cellist Jan Vogler am 31. Mai im Haus, während am 11. Juni die beiden Altmeister Chick Corea und Bobby McFerrin gemeinsam in Aktion treten.

Und auch Matthias Goerne ist noch zwei Mal im Musikfest-Rahmen zu erleben, wenn er am 30. Mai an der Seite von Pianist Piotr Anderszewski Werke von Schumann interpretiert, während der Bariton am 7. Juni beim Hausdebüt des Orchestre Philharmonique du Luxembourg mit Webern, Strauss und Mahlers „Kindertotenliedern“ zurückkehrt. Zum feierlichen Festivalabschluss am 23. Juni interpretiert dann das RSO unter Cornelius Meister Bruckners Messe Nr. 3 und Olivier Messiaens „L‘Ascension. Quatre Meditations symphoniques pour orchestre“.

(S E R V I C E - https://konzerthaus.at/programm/festivals#url=50)


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