Deutsche Teilung behinderte die Annäherung von Bonn und Tel Aviv

Berlin/Tel Aviv (APA/AFP) - Die vorbereiteten Festreden wurden nicht gehalten. Schweigend und mit steifen Minen unterzeichneten der deutsche...

Berlin/Tel Aviv (APA/AFP) - Die vorbereiteten Festreden wurden nicht gehalten. Schweigend und mit steifen Minen unterzeichneten der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer, der auch als Minister für Auswärtiges wirkte, und der israelische Außenminister Moshe Sharett im Hochzeitssaal des Luxemburger Stadtpalais das erste Wiedergutmachungsabkommen zwischen beiden Staaten.

Ein erster Schritt zur Verständigung war an diesem 10. September 1952 gemacht. Bis zu einem Botschafteraustausch sollte es aber noch 13 Jahre dauern, denn die Zwänge der deutschen Teilung dominierten vorerst die westdeutsche Außenpolitik.

Erst am 12. Mai 1965 wurde die Aufnahme diplomatischer Beziehungen beschlossen. Fünfzig Jahre danach kommt auf Einladung des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck Israels Staatsoberhaupt Reuven Rivlin in die geeinte deutsche Hauptstadt, um dort die erstaunlich positive Entwicklung dieser so schwierig gestarteten Annäherung zu würdigen.

Dass die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches Reparationszahlungen an Israel leistete, war in beiden Ländern umstritten. Die Meinungsforscher des Allenbach-Instituts ermittelten dafür in Westdeutschland nur 11 Prozent Zustimmung; 44 Prozent der Befragten hielten das für überflüssig. Die Verabschiedung im Bundestag gelang nur dank Zustimmung der oppositionellen SPD. Die Hälfte der Abgeordneten des Regierungslagers (Union, FDP und Deutsche Partei) verweigerte Adenauer hier die Gefolgschaft.

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Noch heftiger wurde in der Knesset über die Annahme des „Blutgelds“ diskutiert. Um den Widerstand in der Heimat zu besänftigen, baute Minister Sharett in seine geplante Rede den Passus ein, für die am jüdischen Volk begangenen Verbrechen sei „kaum eine Sühne denkbar“. Wie der Jerusalemer Geschichtsprofessor Dan Diner in seinem aktuell erschienenen Buch „Rituelle Distanz“ schildert, entbrannte über diese Formulierung am Vorabend der Unterzeichnung ein heftiger Streit zwischen den Delegationen.

Adenauer empfand die Wortwahl als „zu alt-testamentarisch“. Da Sharett keine Streichung akzeptierte, einigte man sich schließlich, auf alle Ansprachen zu verzichten. So ging die frostige Zeremonie als „Episode der nicht gehaltenen Reden“ in die Politikgeschichte ein.

Weil die Bundesrepublik ihre Zusagen einhielt und ausbaute sowie verdeckt auch bei der Aufrüstung Israels half, verstand die israelische Führung, dass Teile der westdeutschen Führungselite, unter den Politikern neben Adenauer insbesondere der Sozialdemokrat Carlo Schmid, es mit ihrer moralischen Verantwortung sehr ernst meinten. So drängte Ministerpräsident David Ben-Gurion immer wieder auf die Aufnahme diplomatischer Beziehungen.

Dass der erste Austausch von Botschaftern dennoch erst 1965 beschlossen wurde, lag am Primat der deutsch-deutschen Politik, welche die Bonner Außenpolitik dominierte. Die Bundesrepublik vertrat mit der Hallstein-Doktrin einen Alleinvertretungsanspruch, der unbedingt durchgesetzt werden sollte. Die westdeutsche Politik war überzeugt, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel werde sofort die Anerkennung der DDR durch die 13 Länder der Arabischen Liga nach sich ziehen.

Als Ägypten unter Gamal Abdel Nasser den DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht im Februar 1965 mit allen Ehren zu einem Staatsbesuch empfing, seinem ersten außerhalb des Ostblocks, erkannte Bundeskanzler Ludwig Erhard, dass der Alleinvertretungsanspruch auf Dauer nicht zu halten sein würde. Und deshalb entschied er, die deutsche Außenpolitik nicht länger allein dieser Doktrin zu unterwerfen.

Gegen den Widerstand des Chefs des Außenamts und weiterer Kabinettsmitglieder machte Erhard von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch und vereinbarte mit seinem israelischen Kollegen Levi Eshkol am 12. Mai 1965 die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Allen Warnungen zum Trotz blieben die befürchteten Folgen aus: Zwar reduzierten vorübergehend zehn arabische Staaten ihre Beziehungen zu Westdeutschland auf ein konsularisches Niveau. Eine Anerkennung der DDR wagten sie aber zu diesem Zeitpunkt nicht.


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