56. Kunstbiennale von Venedig: Goldene Löwen ganz politisch

Venedig (APA/dpa) - Dass die Biennale in Venedig zu ihrem 120. Geburtstag ausgesprochen politisch wird, war mit Kurator Okwui Enwezor vom Mü...

Venedig (APA/dpa) - Dass die Biennale in Venedig zu ihrem 120. Geburtstag ausgesprochen politisch wird, war mit Kurator Okwui Enwezor vom Münchner Haus der Kunst von Anfang an sicher. Zur Eröffnung der weltweit wichtigsten Schau für zeitgenössische Kunst machte am Wochenende die Vergabe der Goldenen Löwen deutlich, wie ernst der Anspruch gemeint ist - jeder Preis ein Bekenntnis zur aufklärerischen Macht der Kunst.

Mit der in Berlin lebenden US-Konzeptkünstlerin Adrian Piper (66) wurde eine Frau geehrt, die sich seit jeher mit Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Sexismus auseinandersetzt. Legendär ist ihr „Self-Portrait Exaggerating My Negroid Features“ (1981), in dem sie sich nach eigenen bitteren Erfahrungen mit Vorurteilen in überzogenem Afrolook zeichnet. In ihrer Dankesrede beschwört sie die Fähigkeit der Kunst, „nicht nur Veränderung zu bewirken, sondern auch Fortschritt“.

Bei der Biennale ist die gebürtige New Yorkerin gleich mit mehreren Arbeiten vertreten. In den historischen Fabrikhallen des Arsenale hat sie eine Art Moraltest fürs Publikum installiert. Während der Besucher zunächst meint, in der überbordenden Wunderkammer moderner Kunst an einen einfachen Info-Tisch zu treten, soll er in Wahrheit einen Vertrag unterschreiben, etwa mit dem Bekenntnis „Ich werde immer das sagen, was ich meine“. Der handschriftlich unterzeichnete Kontrakt wird 100 Jahre versiegelt im Archiv der Adrian-Piper-Stiftung aufbewahrt, die die Künstlerin in Berlin ins Leben gerufen hat.

Auch die Vergabe des Goldenen Löwen an Armenien für den besten Länderbeitrag ist ein Signal. Hundert Jahre nach den Massakern an der armenischen Minderheit im Osmanischen Reich hat Kuratorin Adelina Cüberyan von Fürstenberg mit „Armenity“ eine berührende Ausstellung über ein Volk in der Diaspora zusammengetragen. Auf der kleinen Insel San Lazzaro in der Lagune von Venedig, die mit ihrem armenischen Kloster seit mehr als 300 Jahren das alte Kulturerbe pflegt, zeigen 16 Künstler aus aller Herren Länder ihre Interpretation der eigenen leidvollen Geschichte.

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„In einem Jahr, das ein so bedeutsamer Markstein für das armenische Volk ist, zeigt dieser Pavillon, was Zusammenarbeit und transkultureller Austausch bewirken“, befand die Jury. Kuratorin von Fürstenberg widmete den Biennale-Preis allen beteiligten Künstlern und endete mit Dostojewskis Hoffnung: „Schönheit rettet die Welt“.

Dem mit dem Silbernen Bären bedachten südkoreanischen Nachwuchskünstler Im Heung Soon gelingt es ebenfalls, traurige Realität in wunderbare Bildsprache zu übersetzen. Sein wie ein Dokumentarfilm anmutender Videobeitrag „Factory Complex“ über die prekären Arbeitsbedingungen für Frauen in Asien nähert sich den Figuren mit einer solchen Liebe und Intensität, dass jede Einstellung für sich ein Gemälde ist.

Schon am ersten Tag, an dem sich die Biennale nach drei quirligen Branchentagen dem Publikum öffnet, lassen sich auffallend viele Besucher auch auf solch nicht schnell konsumierbare Kunst ein. Das gilt nicht nur für das mehr als eineinhalbstündige Essay von Im Heung Soon, sondern auch für den 52 Minuten langen Beitrag des syrischen Künstlerkollektivs Abounaddara, den die Jury mit einer besonderen Erwähnung ehrte. Unter Einsatz ihres Lebens berichten die im Untergrund arbeitenden Videokünstler seit 2010 vom Überlebenskampf im Bürgerkrieg. „Snapshots of History in the Making“ heißt ihr Beitrag - Schnappschüsse der Geschichte, die gerade entsteht. Dass sie nicht persönlich an der Preisvergabe teilnehmen konnten, ist auch ein Teil dieser Geschichte.

198 Tage dauert die Biennale diesmal, so lange wie noch nie. Allein in der Hauptausstellung sind mehr als 700 Werke von 163 Künstlern zu sehen. Dazu kommen 89 Länderpavillons, den österreichischen hat Heimo Zobernig gestaltet. Bei den Slowenen wird am Eröffnungstag noch gearbeitet. Zwei Künstler vervollkommnen auf der Leiter die poetischen Wandsprüche der Installation „Utter“. Das Motto ist am Eingang aber schon hingekritzelt zu lesen: „Jetzt ist eindeutig nicht die Zeit, um ruhig zu bleiben.“

(S E R V I C E - 56. Kunstbiennale Venedig, bis 22. November, www.labiennale.org)


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