Durch das Labyrinth des Lebens

Mollgeschwängerte Melodien und ein Hauch „amore“: Rebekka Bakken und Pippo Pollina beim Imster TschirgArt Jazz Festival.

© Thomas Boehm / TT

Von Markus Hauser

Imst – Die Frage, ob es von Vorteil ist, einmal richtig besoffen gewesen zu sein, um die Texte des amerikanischen Sängers Tom Waits in ihrer labyrinthischen Tiefe nachzuvollziehen, sei dahingestellt. Wenn Waits sein halbes Leben in alkoholisiertem Zustand, das Leben ganz unten, die vergebliche Suche nach der wahren Liebe, die Debatten mit Gott, der Welt und sich selbst in Worte fasst, so liegt die Kraft der Poesie in der Verkürzung. In der Fähigkeit, sich verselbständigende Gedankengänge in prägnant­e Wortfetzen zu fassen. Dazu mollgeschwängerte Melodien, und das wehmütige Weltenleid trifft mitten ins Herz.

Ob die norwegische Sängerin Rebekka Bakken solch alkoholbedingte Zustände jemals durchlebte, diese Frage stellt sich nach ihrem Auftritt im Rahmen des TschirgArt Jazzfestivals am Samstagabend nicht mehr. Ihr aktuelles Programm „Little Drop of Poison“, quasi ein Best-of von Waits-Songs, servierte sie mit einer derartigen Tiefe und Nachhaltigkeit, dass diese den Urheber der Songs vergessen ließen. Wiewohl Bakken lakonisch meinte: „New York ain’t what it used to be, guys are drinking green tea now.“ Aber Hand aufs Herz: Dorthin, wo sich Männer scheinbar hintrinken müssen, können sich Frauen hindenke­n! Und Bakken tut dies mit einer Stimme von unvergleichlicher Schönheit und schmerzlicher Intensität. Vom glockenhellen, natürlichen Sopran bis hinunter in einen verrucht-verrauchten Mezzo. Gerade ist sie ein bezirzendes Engelchen, im nächsten Moment, sprichwörtlich die Tonart wechselnd, rotzfrech, impulsiv ans Derb­e grenzend, eine die Krallen zeigende Wildkatze. Bakken bedient sich spielerisch einer unglaublichen Palette von Klangfarben. Man denkt an Rickie Lee Jones, Janis Joplin, Gianna Nannini und, und … Aber wozu? Man sollte nur an Bakken denken. Auch, weil Bakken das für die Bühne nötige Schauspieltalent hat. Mimik und Gestik unterstreichen die ohnehin glaubhafte Performance im Detail. Ihre Band dazu, minimalistisch, eine kammermusikalische Delikatesse! Geir Sundstol (Gitarren), Svante Henryson (Cello, Bass) und Rune Arnesen (Drums): Feinstarbeit im Detail, Ton und Klang gewichtet auf die Kraft der Lyrik abgestimmt. Punktgenau.

Aber nicht nur wegen Bakken war man gekommen. Da war noch der kleine Italiener, Pippo Pollina, der als großer Troubadour mit noch größerem Herzen vom ersten Takt an das Publikum fest im Griff hatte. „Amore“, „emozione“, „dedizione“: Alles „molto generos­o“, selbst in der politischen Dimension, man muss es lieben, das Land des Pipp­o, und vor allem ihn. Jazz pur gab es zuvor auch noch. Romed Hopfgartner und Band servierten ein von Franui geprägtes musikalisches Erbe – bravourö­s, packend.

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