„Ich muss nicht aktuell sein“

Am Freitag bekam Thomas Lehr den hochdotierten Breitbach-Preis zuerkannt. Ein Gespräch über unvernünftige Entscheidungen, schwierige Themen und sinnentleerte Bilderfluten.

Thomas Lehr nahm in den vergangenen Tagen an den 38. Innsbrucker Wochenendgesprächen teil.
© Andreas Rottensteiner / TT

Innsbruck – Thomas Lehr zählt zu den renommiertesten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. 1999 erschrieb er sich mit „Nabokovs Katze“ eine breite Leserschaft. Die Romane „42“ und „September. Fata Morgana“ waren 2005 und 2010 für den Deutschen Buchpreises nominiert. In den vergangenen Tagen war Lehr in Innsbruck, diskutierte im Rahmen der Wochenendgespräche über das Verhältnis von Literatur und Wissenschaft. Zeitgleich wurde öffentlich, dass der 57-Jährige den Josef-Breitbach-Preis bekommen wird, die mit einem Preisgeld von 50.000 Euro – neben dem Georg-Büchner-Preis – höchstdotierte Literaturauszeichnung des deutschen Sprachraums.

Den Breitbach-Preis bekommen Sie unter anderem für Ihre „naturwissenschaftlichen Gedankenspiele“. Sind Ihnen während der Wochenendgespräche bereits neue in den Sinn gekommen?

Thomas Lehr:

Ich glaube eher, dass es uns gelungen ist, den Zuhörern etwas zu vermitteln. Für mich waren die Gespräche eine Gelegenheit, das Bild, das ich von bestimmten wissenschaftlichen Bereichen hatte, zu verfeinern, es um Erkenntnisse aus Disziplinen, mit denen ich weniger vertraut bin, zu bereichern.

Wochenendgespräche-Moderator Raoul Schrott beklagte kürzlich im TT-Gespräch, dass sich die Literatur wissenschaftliche Erkenntnisse kaum zu Nutzen macht. Teilen Sie diese Ansicht?

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Lehr: Im Grunde hat er Recht. Aber dass es auch Ausnahmen gibt, beweisen nicht zuletzt die Teilnehmer dieser Gespräche. Alle haben auf ihre ganz eigene Weise Wege gefunden, Literatur und Wissenschaft zusammenzuführen.

Sie sind studierter Biochemiker. Da kommen einem eher Mikroskope oder Reagenzgläser in den Sinn als Metaphern.

Lehr: Ja, aber das künstlerische Interesse war in meinem Fall immer vorhanden. Mit 15 war für mich klar: Ich werde Schriftsteller. Erst mit 18 wurde ich vernünftig: Vom Schreiben kann doch kein Mensch leben – und einen ganzen Roman bringst du doch niemals zusammen. Deshalb habe ich etwas „Richtiges“ gelernt (lacht) – und insgeheim gehofft, wenigstens Wissenschaftsautor zu werden. Da der Promotionsprozess bei Biochemikern ein sehr aufwendiger ist und mehrere Jahre dauert, dachte ich mir unvernünftigerweise: So, jetzt schreibst du davor noch kurz einen Roman. Und, was soll ich sagen, ich bin nie mehr zurückgekehrt.

Aber Ihre Ausbildung ist für Ihr Schreiben trotzdem wichtig?

Lehr: Ja. Mitunter aus ganz pragmatischen Gründen sogar: Man hat weniger Angst, sich gewissen Themen zu nähern, wenn man gewisse Grundkenntnisse hat – und weiß, wie und wo man diese Kenntnisse vertiefen kann.

Ihr Roman „42“ handelt unter anderem von Teilchenphysik. Gab es niemanden, der Ihnen von diesem – mit Verlaub – wenig verkaufsfördernden Thema abgeraten hat?

Lehr: Ich genoss einen gewissen Vertrauensvorschuss, weil ich ja schon ein gewisses Renommee als Autor hatte. Außerdem diskutiere ich meine Themen nicht im Vorhinein mit meinem Verlag. Tatsächlich gab es dort einige, die nicht an einen Erfolg geglaubt haben, die befürchteten, dass sich die Kritik vor einem solchen Thema ängstigt. Aber das Publikum hat mir vertraut. Und schließlich traktiere ich ja niemanden mit Formeln. In „42“ geht es um die Theorie der Zeit, das mag abstrakt klingen, aber es lässt sich allgemeinverständlich und anschaulich beschreiben.

Trotzdem, ein Thema wie die Anschläge vom 11. September 2001, das Sie in „September“ verhandeln, wirkt zugänglicher. Was hat Sie daran interessiert?

Lehr: Der Auslöser war zunächst ein ganz persönlicher. Ich war 1997 dort, eine Episode meines Romans „Nabokovs Katze“ spielt dort. Da denkt man unweigerlich: Du hättest auch an dem Tag dort sein können. Bedeutsamer war aber, dass ich den Eindruck hatte, dass einem die Endlosschleife der Bilder aus New York irgendwann überhaupt nichts mehr sagte. Sinnentleerung durch Bilderflut gewissermaßen. Darüber wollte ich nachdenken – und dabei erkannte ich irgendwann, dass mir etwas fehlte: die andere Seite. Letztlich galt es über den Moment 9

11 hinauszudenken. Das ist nur möglich, wenn man beide Seiten, den Westen und die vermeintlichen Feinde, einander auf Augenhöhe begegnen lässt.

Ein Verfahren, das in der Literatur Tradition hat.

Lehr: Richtig. Deshalb spielt Goethes „West-östlicher Divan“ eine wichtige Rolle. In der Literatur ist es möglich, den Standpunkt des Anderen einzunehmen, das hat schon Homer in der „Ilias“ getan. Er springt hinein, zeigt beide Seiten – und erst dadurch wird die Geschichte packend und ermöglicht es, von der visuellen Oberfläche in die Tiefe zu dringen und vorgefertigte Ansichten zu hinterfragen. Dazu kommt, dass sich die Literatur einer anderen Sprache bedienen kann: Ich muss nicht aktuell sein. Ich muss nicht reportieren. Das ist die große Chance der Literatur, sie kann Räume eröffnen und erlaubt zwangloseres, reichhaltigeres Nachdenken.

Das Gespräch führte Joachim Leitner


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