Attwenger: Kurznachrichten mit viel Reibungsfläche

Pop, Politik und Volksmusik sind bei „Attwenger“ kein Widerspruch. Das Duo feiert heute sein 25-Jähriges Bestehen in Innsbruck.

© Gerald von Foris

Von Silvana Resch

Wien –Den Titel des neuen Attwenger-Albums kann man nicht nur wie das englische Wort „spot“, sondern auch wie „Spott“ aussprechen. Doppeldeutigkeiten und raffinierte Sprachspiele haben beim oberösterreichischen Duo Tradition, ebenso wie Wohlvertrautes mit Neuem zu verquicken – auf bislang ungehörte Weise. Frisch mit dem Etikett „Neue Volksmusik“ versehen, kredenzten Schlagzeuger Markus Binder und Harmonika-Spieler Hans-Peter Falkner ab den 1990er-Jahren eine für das konservative Publikum unverdauliche musikalische Mischung mit Hip-Hop-Anleihen und Punk-Attitüde. Die Reaktionen auf den allerersten Auftritt im Jahr 1990 fielen aber noch verhalten aus. „Ein Zuschauer hat zu uns gesagt, das wird sicher nichts mit euch“, sagt Markus Binder. Dass die Kombination Schlagzeug, Ziehharmonika und Dialektgesang gut funktionierte, merkten die beiden aber schon bald bei darauffolgenden Auftritten. Experimentierfreudig ist das Duo, das eigentlich als „Experiment“ startete, geblieben. Anstelle der traditionellen Instrumente gaben aber immer mehr elektronische Spielereien den Ton an. Ebenso vielfältig wie schon auf dem Vorgänger „Flux“ präsentieren sich Attwenger nun auf ihrem nunmehr achten Album. Vom Wienerlied „Japaner“ über Gstanzln wie „Einfamilienhaus“ bis hin zum rock’n’rolligen „Wöd“. Recht geschmeidig pflügt die Ziehharmonika durch das R.E.M-Cover „It’s the End of the World as We Know It“. Von inhaltlicher Endzeitstimmung will Binder im TT-Gespräch aber nichts wissen. „Den Titel darf man nicht zu tragisch lesen, es heißt eher, die Welt konfiguriert sich neu. Für uns ist das ein optimistisches Stück, wie eh alle anderen auch. Auch wenn sie manchmal böse sind“. Von Altersmilde könne keine Rede sein: „Gewisse Reibungspunkte sind, so hoffe ich, auch am neuen Album hörbar“. Mit ihrem zornig-derben Song „kaklakariada“ haben Attwenger 2002 „zu einem Gutteil zur Repolitisierung der heimischen Sub/Pop-Kultur“ beigetragen, notierte FM4-Mann Martin Blumenau 2009 in seinem Journal. Das Stück spielt die Zwei-Mann-Band nach wie vor bei Konzerten, einerseits „weil es musikalisch noch gut funktioniert. Ich denke aber auch, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der das Kleinkarierte zunimmt“, so Binder. Der weiß-rot-karierte Tuchschmuck eines heimischen Volksrock’n’Rollers komme einem da nicht zufällig in den Sinn. „Er repräsentiert das Kleinkarierte nicht nur optisch, sondern auch mit seinen chauvinistischen Äußerungen.“

Attwenger, die „vom Punk“ kommen, aber durch die Verwurzelung in der Volksmusik von Anfang an mit „konservativen Leuten und Tendenzen konfrontiert“ waren, sind in den 25 Jahren ihres Bestehens stets auf der Suche nach Neuem gewesen. Dies und der Hang zum Minimalismus bedingen auch die formale Klarheit des neuen Albums. 23 Stücke mit einer maximalen Länge von zwei Minuten vierzig sind auf „Spot“ versammelt, dazwischen Einminüter, sogenannte „Jingles“, die zum insgesamt rasanten Tempo beitragen. „Spot“ sei eine Reaktion auf das 1997-Techno-Album „Song“ mit drei Stücken von jeweils 15 Minuten Länge drauf. „Es ist gewissermaßen auch eine Reflexion auf die Kurztextkultur in der wir leben“, nimmt Binder die Frage vorweg. Kurze Aufmerksamkeitsspannen gibt es heute Abend garantiert nicht, Attwenger versprechen einen schweißtreibenden Abend im Weekender Club Innsbruck.

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