Wenn in der Schule auch zu lange Röcke Anstoß erregen

Eine 15-jährige Muslimin wurde in Frankreich vom Unterricht ausgeschlossen, weil sie zu lange Kleidungsstücke trug.

(Symbolbild)
© Canon 5d Mark 3

Von Pauline Froissart, AFP

Paris –Üblicherweise sorgen Röcke für Aufregung, wenn sie zu kurz sind. In Frankreich wird aber über lange Röcke gestritten. Denn wegen eines solchen Kleidungsstücks ist in dem laizistischen Land einer muslimischen Schülerin der Zugang zum Unterricht verwehrt worden – die Schuldirektorin befand, dass die 15-Jährige damit „ihre religiöse Zugehörigkeit demonstrativ zur Schau“ stellte.

Das ist an Frankreichs staatlichen Schulen gesetzlich verboten. Doch über die Auslegung und Anwendung des vor elf Jahren beschlossenen Gesetzes gibt es nun eine erregte Debatte. Seinen Anfang nahm der Streit in der Leo-Lagrange-Mittelschule in Charleville-Mézières, einer kleinen Stadt im Nordosten Frankreichs. Dort durfte die muslimische Schülerin Sarah wegen ihres langen schwarzen Rocks nicht in den Unterricht. „Das Gesetz über den Laizität an der Schule verbietet, dass Zeichen oder Kleider getragen werden, mit denen die Schüler ihre religiöse Zugehörigkeit demonstrativ zur Schau stellen“, schrieb die Schuldirektorin an Sarahs Eltern. Das Mädchen wurde aufgefordert, in „neutraler Kleidung“ in die Schule zu kommen.

Sarah weist zurück, dass ihr langer Rock etwas mit ihrem Glauben zu tun habe: „Der Rock ist wirklich nichts Besonderes, er ist ganz einfach, hat nichts Demonstratives“, sagte die 15-Jährige einer Regionalzeitung. „Es gibt überhaupt kein religiöses Symbol.“

Der Fall sorgte rasch für erregte Gemüter. Der Vorsitzende der Beobachtungsstelle gegen Islamfeindlichkeit, Abdallah Zekri, sprach von einer „kollektiven Hysterie“. „In einem solchen Klima jemandem aus diesem Grund den Zugang zum Klassenzimmer zu verweigern, verstärkt die Ablehnung des anderen.“ Auf Twitter ließen Nutzer ihren Unmut unter dem Hashtag #JePorteMaJupeCommeJeVeux freien Lauf – auf Deutsch: Ich trage meinen Rock, wie ich will.

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Die Debatte könnte bizarr erscheinen – doch sie ist äußerst brisant in einem Land, in dem nach den islamistischen Anschlägen vom Jänner die Sorge vor einer Radikalisierung muslimischer Jugendlicher allgegenwärtig ist. Die Frage des Verhältnisses von Staat und Religion und die Frage, wie an Schulen mit Glaubensfragen umgegangen werden soll, sind dabei zentral. Religion soll in Frankreich Privatsache bleiben.

Schon 2004 war an Frankreichs öffentlichen Schulen verboten worden, seine Religionszugehörigkeit offen zur Schau zur Stellen. Das Gesetz zielt insbesondere auf den muslimischen Schleier ab, aber auch auf die jüdische Kippa und große Kreuze für Christen. Schwierig wird es aber bei Kleidungsstücken und Symbolen, die eine religiöse Bedeutung haben können, aber nicht müssen.

„Es ist manchmal schwierig auseinanderzuhalten, was ein demonstratives Zurschaustellen religiöser Symbole ist, was Provokation und was ein Versuch, die Grenzen der gemeinsamen Regeln auszuloten“, räumt die regionale Schulbehörde ein. Im Fall der 15-jährigen Schülerin aus Charleville-Mézières sieht die Behörde einen religiösen Hintergrund aber als gegeben an – zumal neben Sarah an einem Tag auch weitere Schülerinnen mit langen Röcken in die Schule kamen, nachdem es vorher Streit um Kopftücher gegeben hatte.

Die Schulbehörde spricht von einer „konzertierten Protestaktion“ der Schülerinnen. Sarah selbst geht mit Kopftuch zur Schule, legt dieses aber vor dem Unterricht ab. Ihre Mutter möchte, dass sie auch beim Rock Entgegenkommen zeigt – obwohl dieser kein religiöses Symbol sei. „Wichtig ist, dass meine Tochter weiter zur Schule gehen kann“, sagt die Mutter.

Der Soziologe Jean Bauberot ist über das Vorgehen der Schule entsetzt, zumal es ähnliche Vorfälle auch an anderen Orten in Frankreich gab. Wenn alles als religiöses Symbol ausgelegt werden könne, drohe ein „dummes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Schüler pausenlos verdächtigt werden“. Der Laizismus-Experte warnt: „Das kann bei den Jugendlichen nur Empörung auslösen, das Gefühl, verfolgt und Opfer einer Ungerechtigkeit zu werden.“

Zu Vorsicht mahnt auch Nicolas Cadene von der Beobachtungsstelle für Laizität, die über die Trennung von Staat und Kirche wacht: Es dürfe an Schulen keine „Kleiderpolizei“ geben.


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