Abschied von einem Alleskönner

Schriftsteller, Übersetzer, Schauspieler. Verlagserbe Harry Rowohlt hatte viele Talente. Er starb im Alter von 70 Jahren.

Der Schriftsteller Harry Rowohlt. (Archivfoto von 2013)
© dpa

Innsbruck –Harry Rowohlts Ableben war gestern auch auf Twitter beherrschendes Thema. Vor allem ein Cartoon wurde oft geteilt: „Das Buch musst du in Harry Rowohlts Übersetzung lesen. Im Original geht viel verloren“, sagt da ein Mann in der Buchhandlung zu seiner Begleitung. Als Übersetzer hatte sich Rowohlt tatsächlich einen einzigartigen Ruf erarbeitet. Die „Winnie-the-Pooh“-Bücher markierten gewissermaßen den Beginn seiner Karriere. Bereits als Kind war er Fan von „Pu der Bär“. Um das Buch „unbehelligt von der mütterlichen Betonung zu lesen“, begann er, selbst lesen zu lernen. Neben den Kinderbuchklassikern übersetzte Rowohlt unter anderem auch die Comics von Altmeister Robert Crumb. Dem genialen Zeichner Art Spiegelmann waren hingegen die Dialoge in „Maus“ zu frei übersetzt. Der revolutionäre Comic erschien zwar im Rowohlt-Verlag, Harry sollte letztlich jedoch nichts damit zu tun haben.

Seit 1969 hatte er an die 200 Bücher übersetzt, darunter Ernest Hemingway, Ian Mc­Ewan, David Sedaris oder Flann O‘Brien. Die Freiheiten, die er sich dabei nahm, wurden immer wieder heftig diskutiert. „Weil er so genial ist“, wie Übersetzerin Ruth Keen meinte, konnte ihm aber niemand was anhaben. Als erster deutscher Übersetzer wurde er auf dem Cover eines Buches abgebildet. „Harry Rowohlt ist eine singuläre Erscheinung, ein Solitär“, sagte Hinrich Schmidt-Henkel, Vorsitzender des Verbandes der Literaturübersetzer, zu dessen 70. Geburtstag. Für seine Übertragungen vom Englischen ins Deutsche bekam Rowohlt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk als Übersetzer.

Berühmt-berüchtigt war der Schriftsteller auch für seine stundenlangen Lesungen. Bis zu zwei Flaschen Wein oder eine Flasche Whiskey trank der Vortragskünstler dabei. „Schausaufen mit Betonung“, nannte er das. Da die Iren, allen voran Flann O’Brien, zu seinen Lieblingsautoren zählten, wurde er 1996 zum „Ambassador of Irish Whiskey“ (Botschafter des irischen Whiskeys) ernannt.

Seine brummige Stimme machte ihn zum beliebten Vorleser. Ein Klassiker ist etwa sein sechsteiliges Hörbuch „Pu der Bär“. Der Figur von Autor Alan Alexander Milne fühlte er sich dermaßen verbunden, dass Rowohlt seine langjährige Kolumne in der Wochenzeitung Die Zeit mit „Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand“ betitelte.

TT-ePaper gratis testen und 2 VIP-Tickets für das Electric Love Festival gewinnen

Electric Love Festival

Aber auch jenen Menschen, die nicht lasen, war der Mann mit dem markanten Rauschebart wohlvertraut: In der TV-Serie Lindenstraße spielte er den Penner Harry. Die Schauspielerei wurde ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt, bereits seine Mutter stand auf der Bühne. Maria Pierenkämper war bei seiner Geburt in „dritter und vorletzter Ehe“ mit dem Kunstmaler Max Rupp verheiratet. Sein Vater war dennoch der Verleger Ernst Rowohlt, da, wie Harry immer betonte, Rupp „zur fraglichen Zeit“ bereits in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war. „Ich wurde in der Hochallee 1 in Hamburg 13 geboren. Im Luftschutzkeller, als Zehn-Monats-Kind“, erzählt Harry Rowohlt seinem Freund Ralf Sotschek im Buch „In Schlucken-zwei-Spechte“. Eine Geburt in den letzten Kriegswochen, am 27. März 1945.

Die Karriere als „Verlagserbe“ schlug er indes stets aus. Sein Vater sei fünf Mal pleitegegangen. Er sei froh, nicht in den Verlag eingetreten zu sein, „denn diese Tradition hätte ich als Erstes wiederbelebt“. Sein Bruder und er verkauften den Verlag Anfang der 1980er-Jahre an die Holtzbrinck-Gruppe.

Rowohlt ist nach langer, schwerer Krankheit am Montag im Alter von 70 Jahren in Hamburg gestorben. Ö1 bringt anlässlich seines Todes am Donnerstag um 16 Uhr das Porträt „Kinder, der Kampf geht weiter!“ aus dem Jahr 2005. (sire, APA)


Kommentieren


Schlagworte