Wiener Festwochen - Scherz lass nach: Fritsch-“Oper“ am Burgtheater

Wien/Berlin (APA) - Das Burgtheater steht noch. Kein neuer Ringtheaterbrand. Denn der Funke ist nicht wirklich übergesprungen. Der Berliner ...

Wien/Berlin (APA) - Das Burgtheater steht noch. Kein neuer Ringtheaterbrand. Denn der Funke ist nicht wirklich übergesprungen. Der Berliner Volksbühnen-Hit „Ohne Titel Nr. 1 - Eine Oper von Herbert Fritsch“ wirkt beim Festwochen-Gastspiel am Burgtheater, wo der deutsche Regisseur im Winter sein Regiedebüt geben wird, seltsam deplatziert. Hausbackene Scherze statt anarchische Lust am Sprengen von Konventionen.

Der ehemalige Schauspieler hat nach seinem Hinauswurf 2005 am Volkstheater, als der neue Direktor Michael Schottenberg Meyrinks „Golem“ mitten in den Proben absagte und Fritsch auszahlte, nach anfangs zähem Anlauf doch noch eine steile Regiekarriere hingelegt. Nun kann er endlich alles machen, was er sich jahrelang am Theater verkneifen musste.

Für „Ohne Titel Nr. 1“ hat er das Prinzip seiner „Null-Show“ genannten Soloabende, bei denen er versucht hatte, „absolut inhaltloses Theater zu machen, nur so mit Fantasiesprache“ („Sprache: in undeutlicher Sprache“, heißt es augenzwinkernd in der entsprechenden Rubrik der Festwochen-Programmübersicht), mit einem zwölfköpfigen Ensemble umgesetzt. „Um den großen Gestus noch zu verstärken, hab ich den Begriff Oper verwendet. Ich mach ja kein Experimentaltheater, ich mach meine spezielle Form von Unterhaltung“, so Fritsch.

Zu Beginn spielt das Ensemble mit dem „Herbert-Fritsch-Opernorchester“ vor der Rampe eine kakofonische Ouvertüre aus allen möglichen und unmöglichen Instrumenten, unter denen eine vom Dirigenten mit großer Geste eingepasste Holzkurbel eine entscheidende Rolle spielt. Es knarrt und knarzt in dem hölzernen Bühnenuniversum, dass es einem Angst und Bange werden kann. Vor hohen „Bretterwänden“ ist ein riesiges „Holzsofa“ aufgestellt, dessen Bedeutung so unerklärlich bleibt wie so vieles an dem Abend, und vor bzw. auf dem die Akteure winzig wirken.

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Fritsch ist sein eigener Bühnenbildner, und seine von Victoria Behr mit den denkbar schrägsten Plastik-Frisuren ausgestatteten Figuren treibt er in geradezu kindlicher Lust am Nonsense in immer wechselnden Konstellationen und Situationen über sein Spielfeld. Die Spielregel dabei: Alles ist erlaubt. Zitate aus der Welt der Oper, des Musicals oder des Varietés werden bunt durcheinandergemischt, es gibt Kunstfurzer und Zauberer, große Auftritte und kleinlaute Abgänge, Arien und chaotisches Chor-Getümmel, Liebesszenen und Kleinkrieg unter Kollegen.

Doch der Spaß kommt aus einer Kunst-Maschine, die sich im Leerlauf befindet. Das Krachen im Gebälk kündet von Einsturzgefahr. Schon um die Ecke wohnt das Grauen. Sieht so die Apokalypse aus? Eine Vorhölle der müden Scherzchen, mit Hasenzähnen und in den Mund gestopftem Seidenpapier? Nach 90 Minuten senkt sich der Brettervorhang wieder. Mehr Zuspruch als Ablehnung im Publikum. Im kräftigen Schlussapplaus mischt sich Herbert Fritsch unter sein Ensemble. Eines der Bretter, die ihm die Welt bedeuten, trägt er dabei ostentativ als Brett vor dem Kopf.

Für Molière wird er noch harte Bretter bohren müssen. Doch auch, wer jetzt nicht recht glücklich ist, darf sich auf den „Eingebildeten Kranken“ (Premiere im Dezember) freuen. Das wäre doch gelacht!

(S E R V I C E - „Ohne Titel Nr. 1 - Eine Oper von Herbert Fritsch“, Gastspiel der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, im Rahmen der Wiener Festwochen im Burgtheater, Weitere Vorstellungen bis 19. Juni, 19.30 Uhr, Publikumsgespräch am 17. Juni im Anschluss an die Vorstellung, Karten: 01 / 589 22 11, www.festwochen.at)

(B I L D A V I S O - Pressebilder stehen im Pressebereich von www.festwochen.at zum Download bereit. Die APA hat am 2. Juni unter APA216 und APA225 ein Interview mit Herbert Fritsch versendet.)


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