Seine-et-Marne: Die Mülldeponie der Millionenstadt Paris

Paris (APA/AFP) - Lastwagen an Lastwagen mit Bauschutt, Berge von Haushaltsabfällen am Straßenrand, widerlicher Gestank beim Abladen: Eine g...

Paris (APA/AFP) - Lastwagen an Lastwagen mit Bauschutt, Berge von Haushaltsabfällen am Straßenrand, widerlicher Gestank beim Abladen: Eine ganze Region im Osten von Paris leidet unter dem Abfall der Metropole. Jetzt wehrt sich das Departement Seine-et-Marne dagegen, weiterhin die Deponie der Millionenstadt zu sein - bevor alles noch schlimmer kommt.

„Wir sind von Müll umgeben, überall sind kleine Berge“, regt sich eine ältere Dame in einer Bäckerei in Claye-Souilly auf, rund 40 Kilometer östlich von Paris. „Ich wohne hier seit 1977 und das hört nicht auf.“ Das Departement Seine-et-Marne, einst eine Hochebene, hat in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Hügeln bekommen, die bis zu 65 Meter hoch sind - bestehend aus Bauschutt.

„Um die Abfälle zu verbergen, pflanzen sie Bäume drauf, sie machen daraus etwas angeblich Natürliches, aber es ist wirklich nur versteckte Misere“, klagt eine Mutter in Fresnes-sur-Marne, einer Nachbargemeinde.

Tatsächlich hat das Departement im Jahr 2013 insgesamt 80 Prozent der Abfälle des Ballungsraums Paris, genannt Ile-de-France, aufgenommen. Im Jahr davor waren es 98 Prozent der sogenannten Inertstoffe der Region - also Bau- oder Industrieabfälle wie Steine oder Abraumerde, die nicht mit gefährlichen Schadstoffen belastet sind. 6,34 Millionen Tonnen wurden laut den Behörden allein in jenem Jahr in das Departement transportiert.

Doch die Einwohner von Seine-et-Marne befürchten Schlimmes: Derzeit wird das Projekt Groß-Paris umgesetzt, das vor allem eine bessere Vernetzung der Vorstädte untereinander und mit dem Zentrum der französischen Hauptstadt bringen soll. 200 Kilometer Straßen und 68 Bahnhöfe sollen gebaut werden, das Mega-Bauprojekt wird bis 2030 rund 40 Millionen Tonnen Bauschutt bedeuten. Diesen Müll will das Departement nicht auch noch allein aufnehmen: Am Freitag will der Regionalrat einen Beschluss fassen, um die Belastung gerechter zu verteilen.

„Unser Ziel ist es, es so zu machen, dass nicht immer dieselben den Kopf hinhalten müssen“, hob Regionalpräsident Jean-Paul Huchon hervor. Daher soll ein Moratorium beschlossen werden, das für drei Jahre die Eröffnung neuer Deponien für Inertstoffe und die Ausweitung der elf bestehenden verbietet. Selbst dann würden aber immer noch vier Millionen Tonnen jährlich aufgenommen.

Mit 5.915 Quadratkilometern macht das Departement Seine-et-Marne fast die Hälfte der Region Ile-de-France aus. Gleichzeitig befanden sich dort laut der Statistik von 2011 aber 75 Prozent der Gemeinden mit weniger als 2.000 Einwohnern. „Durch Niederlassungen rund um kleine Dörfer können die Entsorgungs-Firmen ihre Ablager-Flächen leichter ausweiten, was neben urbanen Gebieten nicht der Fall wäre“, erläutert Franck Rolland von den Grünen, der auch Mitglied der Anti-Abfall-Vereinigung stopdechets77 ist.

Platz für Abraum oder Bauschutt gäbe es auch in anderen Departements etwa in Val-d‘Oise nördlich von Paris oder in Yvelines im Westen. Rolland nennt aber noch einen weiteren Grund, weshalb die Entsorgungsfirmen Seine-et-Marne im Blick haben: Dort sei „das Netz der Umweltschützer nicht so stark wie zum Beispiel in Val-d‘Oise, um sich den Forderungen der Firmen zu widersetzen.“ Das liege auch an der sozialen Struktur in dem Departement. „Wenn man (Geld-)Probleme hat am Monatsende, kümmert man sich nicht um so etwas.“

Doch selbst wenn es dem Departement nun gelingen sollte, zumindest die Schlangen von Lastwagen mit Bauschutt unter Kontrolle zu bringen, so bleiben für Seine-et-Marne noch andere Abfall-Probleme: Mehrere Skandale um illegale Deponien waren in den vergangenen Jahren publik geworden. Für Schlagzeilen sorgt derzeit immer noch eine Landwirtschaftshalle in Dorf Vaudoy-en-Brie, in der im Dezember tonnenweise giftige Abfallstoffe entdeckt worden waren.


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