Franziskus: Müssen „perverse Logik“ der Welt stoppen

In seiner Umwelt-Enzyklika fordert Papst Franziskus die Abkehr von der maßlosen Ausbeutung globaler Ressourcen. Mit der herrschenden Wirtschaftslogik, die grenzenloses Wachstum voraussetze, werde die Menschheit an die Wand fahren. Die Erde verwandle sich „immer mehr in eine unermessliche Mülldeponie“.

Papst Franziskus.
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Vatikanstadt - Die mit Spannung erwartete Umweltenzyklika von Papst Franziskus ist am Donnerstag veröffentlicht worden. In der zweiten Enzyklika seines Pontifikats ruft er die Menschheit zu einer „ökologischen Bekehrung auf“. Die 220-seitige Enzyklika erscheint unter dem Titel „Laudato sii“ (Gelobt seist du) nach dem „Sonnengesang“ des Heiligen Franz von Assisi, nach dem sich der Pontifex benannt hat.

Von seinem Appell erwarte sich der Papst, dass jeder Mensch nach seiner Berufung auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene einen Beitrag zum Umweltschutz leiste. Es sei Pflicht jedes Menschen, die Schöpfung, die zugleich Mutter und Schwester sei, vor Plünderung und Ausbeutung zu schützen.

Warnung vor „absoluter Herrschaft der Finanzen“

Mit den herrschenden Maximen eines rein technologischen Fortschrittsglaubens, gepaart mit einem rein auf Gewinn ausgelegten Wirtschaftssystem und Moralvorstellungen, wonach sich jeder selbst der Nächste sei, fährt die Menschheit die Welt und sich selbst an die Wand, so zusammenfassend die Warnung des Papstes.

Wenn jemand die Erdenbewohner von außen beobachten würde, würde er sich über ein solches Verhalten wundern, das bisweilen selbstmörderisch erscheint.
Papst Franziskus

Er kritisiert in diesem Zusammenhang auch die Rettung von Banken „um jeden Preis“. Die Politik dürfe sich nicht der Wirtschaft unterwerfen. „Die Rettung der Banken, indem man die Kosten dafür der Bevölkerung aufbürdet, ohne den festen Entschluss, das gesamte System zu überprüfen und zu reformieren, unterstützt eine absolute Herrschaft der Finanzen, die keine Zukunft besitzt und nach einer langwierigen, kostspieligen und scheinbaren Heilung nur neue Krisen hervorrufen kann“, schrieb Franziskus.

Heftige Kritik an Klimakonferenzen

Kein gutes Haar lässt der Papst an den internationalen Klimakonferenzen. Die Erfolge seien „sehr spärlich“. Und auch aus der Finanzkrise habe die Welt nichts gelernt. Die Politik dürfe sich nicht länger dem Diktat der Wirtschaft unterwerfen, sie müsse sich aber auch selbst aus den Vorgaben rein kurzfristiger Perspektiven befreien und endlich über „armselige Reden“ hinauskommen.

Eindeutig spricht sich der Papst auch für starke internationale Institutionen mit Sanktionsmöglichkeiten aus, um die Reduzierung der Umweltverschmutzung bei gleichzeitiger Bekämpfung von Armut in Angriff nehmen zu können. Eine seiner zentralen Forderungen ist die Abkehr von fossilen Energieträgern und der stärkere Fokus auf erneuerbare Energien.

Papst fordert „Human-Ökologie“

Franziskus spricht von einer einzigen, umfassenden sozio-ökologischen Krise: Umweltschutz, Armutsbekämpfung und der Einsatz für Menschenwürde gehörten untrennbar zusammen. Ein wirklich ökologischer Lösungsansatz sei deshalb immer auch ein sozialer Ansatz, „der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde“. Nicht zuletzt, weil von der Öko-Krise die Armen am schlimmsten betroffen seien. Die Lösung kann deshalb für den Papst nur in einer „ganzheitlichen Ökologie“ oder „Human-Ökologie“ liegen. Das bedeutet aber etwa auch: Wer für die Bewahrung der Natur eintritt, könne deshalb nicht zugleich für Abtreibung oder Experimente mit lebenden menschlichen Embryonen sein.

Franziskus behandelt in sechs Kapiteln auf rund 220 Seiten viele einzelne Aspekte in Sachen Umweltverschmutzung und Klimawandel, bei der Wasserfrage oder der Verschlechterung der Lebensqualität. Wörtlich schreibt der Papst etwa: „Die Erde, unser Haus, scheint sich immer mehr in eine unermessliche Mülldeponie zu verwandeln. Wenn jemand die Erdenbewohner von außen beobachten würde, würde er sich über ein solches Verhalten wundern, das bisweilen selbstmörderisch erscheint.“

Idee des grenzenlosen Wachstums „setzt Lüge voraus“

Der Papst spricht kritisch von der „Globalisierung des technokratischen Paradigmas“. Dieses nehme die gesamte Realität als Objekt wahr, die man grenzenlos manipulieren kann. Von da aus gelange man leicht zur Idee eines unendlichen und grenzenlosen Wachstums. „Dieses Wachstum setzt aber die Lüge bezüglich der unbegrenzten Verfügbarkeit der Güter des Planeten voraus, die dazu führt, ihn bis zur Grenze und darüber hinaus auszupressen“, schreibt der Papst. Der moderne „fehlgeleitete Anthropozentrismus“ akzeptiere nicht die Natur als Norm, sondern er stelle die technische Vernunft über die Wirklichkeit, kritisiert der Papst.

Der Politik kommt nach Ansicht des Papstes eine entscheidende Rolle zu: „Wir brauchen eine Politik, deren Denken einen weiten Horizont umfasst und die einem neuen, ganzheitlichen Ansatz zum Durchbruch verhilft, indem sie die verschiedenen Aspekte der Krise in einen interdisziplinären Dialog aufnimmt.“ Wenn die Politik nicht imstande ist, „eine perverse Logik zu durchbrechen“ und wenn sie nicht über „armselige Reden“ hinauskomme, so werde die Menschheit „weitermachen, ohne die großen Probleme der Menschheit in Angriff zu nehmen“. Politik und Wirtschaft müssten sich beide „entschieden in den Dienst des Lebens“ stellen, mahnt der Papst.

Auch Dialog der Religionen wird betont

Der Politik allein traut der Papst nicht zu, die großen Probleme der Menschheit in Angriff zu nehmen. Er sieht auf diesem Weg vielmehr die Religionen als wichtigen Dialogpartner. Die Religionen müssten auch untereinander einen Dialog aufnehmen, „der auf die Schonung der Natur, die Verteidigung der Armen und den Aufbau eines Netzes der gegenseitigen Achtung und der Geschwisterlichkeit ausgerichtet ist“, fordert Franziskus. (siha, tt.com/APA/dpa)


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