Reinkarnation des Mittelstandes

Der Toyota Avensis geht in die nächste Runde – immer noch eher zuverlässiger Biedermann als Brandstifter, aber innen und außen eben deutlich aufgewertet.

© Toyota

Von Stefan Pabeschitz

Verbier –Der größte Autohersteller der Welt tut sich in Europa nicht leicht. Es fehlt Toyotas Modellen neben der unbestreitbaren Qualität etwas an Charakter. Das Spitzgesicht mit zentralem Markenlogo soll Abhilfe schaffen – auch der neue Avensis trägt es jetzt und schließt damit zur Familienähnlichkeit auf. Die Rundumerneuerung des Mittelklässlers umfasst mehr als 50 Prozent der verwendeten Teile und geht damit weit über den Umfang eines Facelifts hinaus.

Wer im neuen Avensis Platz nimmt, findet sich aber in einem klaren und schnörkellos gestalteten Innenraum wieder, wie ihn das europäische Auge schätzt. Halbherzige Premium-Anbiederung gibt es keine: Der inzwischen weitgehend verwaiste automobile Mittelstand feiert hier glaubwürdige Renaissance. Kunststoff ohne Chichi dominiert, ist aber solide verarbeitet, Ergonomie und Sitzkomfort sind tadellos. Ein wenig unglücklich ist die duale Tempolimitanzeige von kameragestützter Live-Einspielung und Navi-Datenbank – die beiden widersprechen einander relativ oft, was für einige Verwirrung sorgen kann. Praktischer ist da schon der restliche Umfang an Sicherheitsausstattung wie Fernlicht-Automatik, Kollisionsassistent und Spurhalte-Warner. Das deutlich steifere Chassis, die geringeren Federwege, eine neue Dämpferabstimmung und rigidere Stabilisatoren bewirken einen satten Gesamteindruck und vom Untergrund völlig unbeeindruckten Abrollkomfort. Selbst üble Straßenoberflächen ringen dem Fahrwerk nicht das geringste Geräusch ab. Angenehm direkt ist mit etwas mehr als zweieinhalb Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag die elektrische Servolenkung, allerdings arbeitet sie schon etwas zu leichtgängig. Die hauseigenen Dieselmotoren hat To­yota ausgemustert und gegen von BMW zugelieferte 1,6- und 2,0-Liter-Turbodiesel mit 112 und 143 PS getauscht. Beide verleiten gemäß ihren Leistungsdaten nicht unbedingt zum Heizen und werden jenseits der 3000 Umdrehungen ein wenig rau, geben sich dafür aber betont genügsam: Im ersten Test begnügte sich der stärkere Diesel mit 5,2 Litern im Alltagsmix – nur unwesentlich mehr, als die Normangabe mit 18-Zoll-Bereifung vorsieht. Zwei Benziner mit 132 und 147 PS runden das Motorenangebot ab. Dem stärkeren der beiden bleibt exklusiv das nun merkbar verbesserte CVT-Automatikgetriebe mit sechs Schaltstufen als Option vorbehalten. Gegenüber dem Vorgängermodell deutlich gesunken sind die Erhaltungs- und Servicekosten – die Japaner liebäugeln auch mit dem Flottengeschäft und wollen mit einem guten Preisleistungsverhältnis punkten. Bis zum Marktstart von Toyotas neu aufgelegter Mittelklasse im September stehen die spitz kalkulierten Österreich-Preise fest.


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