Zwischenstopp Belgrad - Flüchtlingsroute über Serbien Richtung Westen

Belgrad (APA) - Sie sind jung und misstrauisch. Einige sprechen ein bisschen Englisch, andere nur ihre Muttersprache. Im Staub vor dem Cafe ...

Belgrad (APA) - Sie sind jung und misstrauisch. Einige sprechen ein bisschen Englisch, andere nur ihre Muttersprache. Im Staub vor dem Cafe „Kuset“ beim Bahnhof der serbischen Hauptstadt Belgrad stehen oder hocken rund um die Uhr vorwiegend junge Männer. Der Name des Cafes bezeichnet für sie möglicherweise nur den Treffpunkt auf ihrem Weg weiter Richtung Westen.

An diesem Tag sind hauptsächlich Afghanen und einige Sudanesen in Gruppen dort anzutreffen. Frauen sieht man kaum.

Der 17-jährige, der sich nach langem Zögern als Sajid Khan vorstellt, stammt aus Afghanistan und ist mit einem Freund gleichen Alters unterwegs. Die Eltern und die kleineren Geschwister seien nach Pakistan geflüchtet. Er will nach Deutschland. Wie er dies zu schaffen gedenkt, sagt er nicht. Er weiß bereits, dass der Weg wegen des geplanten Zaunbaus an der ungarischen Grenze komplizierter werden dürfte. Doch in Serbien kann er auch nicht bleiben. Die Aufenthaltsgenehmigung sei abgelaufen, erzählt er.

Die Antworten der Befragten sind beinahe identisch: Die Mehrheit sprach davon, weiterziehen zu müssen, da ihre Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen sei. Und, ja, sie seien vor „gerade vier Tagen“ angekommen. Entsprechend dem Gesetz dürfen sie sich in Serbien nur 72 Stunden lang aufhalten - und wieder ausreisen, falls sie in der Zwischenzeit nicht Asyl beantragt haben.

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In der Gegend um das Cafe befinden sich einige billige Hostels. Die Frage, ob er dort schlafe, verneint Sajid Khan. Keine Dokumente, keine Unterkunft.

Zwei kleinere Grüppchen von Khans Landsleuten sitzen im Garten des Bahnhofcafes und warten auf den nächsten Zug nach Subotica, der an der Grenze zu Ungarn liegenden nordserbischen Stadt. Sie machen einen glücklicheren Eindruck als der 17-Jährige. Seine Landsleute wollen von dort die Grenze zu Ungarn passieren, solange noch kein Zaun errichtet ist.

Kann der Zaun die Einwanderung von Flüchtlingen nach Ungarn wirklich aufhalten? Rados Djuric vom Zentrum für Asylbewerber-Hilfe ist skeptisch. Serbien könne die Grenzen zu Mazedonien und anderen Nachbarstaaten, aus denen Flüchtlinge eintreffen, nicht kontrollieren. Dass der Staat aufgrund der Einwanderung von Migranten zu einer Art „europäischem Mexiko“ werde, sei deshalb nicht auszuschließen, sagte Djuric laut serbischen Medien.

Die ungarische Regierung beschloss am Mittwoch, an der Grenze zu Serbien einen 175 Kilometern langen Zaun zu errichten, um die Immigration von Flüchtlingen zu unterbinden. Serbiens Premier Aleksandar Vucic zeigte sich über diese Entscheidung „geschockt und überrascht“. Im vergangenen Jahr sind in Ungarn rund 43.000 Flüchtlinge eingetroffen, 2012 waren es demgegenüber rund 2.000. In diesem Jahr stieg die Zahl der Zuflucht-Suchenden weiter an. Bisher waren es mehr als 50.000.

2015 wurden laut serbischen Amtsangaben in den ersten fünf Monaten 22.000 Asylanträge gestellt, sechsmal mehr als in der vorjährigen Vergleichsphase. Diejenigen, die sich vor dem Cafe „Kuset“ versammeln, gehören wohl nicht zu dieser Gruppe. Vielmehr dürfte es um Migranten ohne legalen Aufenthaltsstatus gehen, die auf Schlepper warten, um den Weg nach Ungarn fortzusetzen.


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