Junge Burg - „Gimme Shelter“: Migrantenschicksale mit Wut und Energie

Wien (APA) - Im dunklen Saal des Kasino am Schwarzenbergplatz hat sich eine bunte Gesellschaft zusammengerottet. Teenager in Röhrenhosen und...

Wien (APA) - Im dunklen Saal des Kasino am Schwarzenbergplatz hat sich eine bunte Gesellschaft zusammengerottet. Teenager in Röhrenhosen und Schirmkappen, Jogginghosen tragende Männer und Frauen, ein Bursche im goldenen Einteiler, Leute mit heller und dunkler Haut, darunter auch ein Mädchen im Volksschulalter. Sie sind Migranten mit einer Botschaft, ihre einzige Gemeinsamkeit ist ihr ernster Blick.

Das Stück „Gimme Shelter“ wurde von ihnen seit dem vergangenen Herbst in wöchentlicher Zusammenarbeit mit der Jungen Burg, der Jugendschiene des Burgtheaters, entwickelt. Mit ihm startet heute, Freitagabend, das Junge Burg Festival, das heuer zum ersten Mal stattfindet und sich mit dem Thema „Heimat“ auseinandergesetzt. Das in Kooperation mit dem UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) durchgeführte Projekt, bei dem junge Migranten und Österreicher mit Migrationshintergrund aus Wien und Umgebung die Möglichkeit hatten, aktiv mitzuwirken, hat in seiner finalen Ausführung eine trotzige, eigensinnige Gestalt angenommen, die vor Wut, Selbstbewusstsein und jugendlicher Energie strotzt.

Der Weg dorthin war allerdings nicht glatt geebnet. Die Besetzung des Stücks wechselte mehrmals, zum Teil sogar fliegend, wie der Regisseur und Co-Leiter der Jungen Burg, Peter Raffalt, am Donnerstag vor der Generalprobe im Gespräch mit der APA erklärte. „Nicht jeder kam bei den offen zugänglichen Treffen wieder. Es waren insgesamt sicher 50 bis 60 verschiedene Menschen, die daran zeitweise beteiligt waren.“ Von diesen blieben weniger als die Hälfte bis zur Ende der Produktion.

Dabei betonte er, dass das Projekt nicht nur für die jungen Leute, sondern auch für die Mitarbeiter der Burg „wahnsinnig bereichernd“ war: „Der Weg ist das Ziel. Wenn man mit Leuten aus so verschiedenen Kulturen arbeitet, muss man eben umdenken. Das war kulturell eine eisige Dusche.“ Die Beteiligung der Migranten an der Entstehung des Stücks schätzte er auf „circa zwei Drittel“ der Inhalte. „Wir wollten, dass sie einfach ihre Geschichte erzählen.“

Und das tun sie auch. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge - da wird keck jugendlicher Esprit auf der Bühne versprüht, Tanzbein und Hüften geschwungen und in mehreren Sprachen, darunter auch Deutsch, zu dicken Beats gerappt. Sie kommen daher als Menschen wie wir - und doch sind sie es nicht. Auf Breakdance und nahöstliche Gesänge folgt die harte Realität des Flüchtlingsdaseins. Mit Koffern stopfen sich die über 20 Darsteller in ein 25-Quadratmeter-Zelt, laufen um ihr Leben und werfen sich auf den Boden, als aus den Lautsprechern Schüsse ertönen.

In einzelnen Episoden tritt jeder Einzelne an ein Mikrofon und erzählt die eigene Geschichte. Von Afghanistan oder Georgien über die Türkei bis nach Traiskirchen. Politische Verfolgung in der Ukraine, die Schwierigkeiten des Aufnahmeverfahrens, Erfahrungen mit den österreichischen Behörden werden geschildert. Die zum Teil von den Darstellern selbst ausgearbeiteten Sketches sind so vielfältig wie die Kulturen selbst: Eine Asiatin tanzt grazil mit einem Fächer zu fernöstlichen Melodien, ein junges Mädchen erzählt selbstbewusst vom Flirten in Wien und ihrem Weg von Bosnien-Herzegowina bis nach Österreich.

„Warum ein langsamer Tod in einem fremden Land, wenn man auch daheim auf der eigenen Türschwelle sterben kann?“ ruft ein Jugendlicher mit steinerner Miene in den Saal. „Entschuldigt, dass wir hier sind! Dass wir eure Zeit stehlen! Dass wir eure Luft einatmen!“ ertönt es dann im Chor. Danach das Statement: „Das einzige, was wir haben, ist eine Geschichte. Unsere Geschichte.“ Selbst wenn am Schluss zum österreichischen Jodel-Hit „Koa Hiatamadl“ mit Federhut im Kreis gehopst wird, wird man das Gefühl nicht los, dass es doch stimmt. Es sind junge Menschen wie bei uns, mit denselben Bedürfnissen, Hoffnungen und Träumen.

Das Junge Burg Festival eröffnet heute Abend mit der Premiere von „Gimme Shelter“ und zeigt bis zum 25. Juni noch fünf weitere von Jugendlichen in Workshops ausgearbeitete Produktionen.

(S E R V I C E - Junge Burg Festival, 19.-25.6., Vorstellungen von Gimme Shelter heute, 20 Uhr, 21.6., 19 Uhr, 25.6., 20.30 Uhr, Karten: 01 / 513 1 513, www.burgtheater.at)

~ WEB http://www.unhcr.org ~ APA149 2015-06-19/10:44


Kommentieren