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Nach Amokfahrt - Trauer im wiedergekehrten Grazer Innenstadt-Alltag

Graz (APA) - Die Geschäftigkeit des Wochentags hat die Grazer Herrengasse und den Hauptplatz nach der Amokfahrt eines 26-Jährigen am Samstag...

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Graz (APA) - Die Geschäftigkeit des Wochentags hat die Grazer Herrengasse und den Hauptplatz nach der Amokfahrt eines 26-Jährigen am Samstag, die mit drei Toten und 36 Verletzten endete, wieder. Was blieb, sind die vielen trauernden Menschen an den Tatorten, aber auch zum Teil emotionale Kontroversen über den Täter und Wahnsinnstaten wie jene vom Samstag.

Vor der Stadtpfarrkirche wurde auf einer Bank ein Bild des dort getöteten Buben in einem Rahmen aufgestellt. „Valentin“ steht schlicht unter dem Foto, das den lächelnden Vierjährigen zeigt. Das Blumen- und Kerzenmeer ist hier am größten, hier ist auch der seit Samstag in der Herrengasse dominierende Geruch von Wachs und Paraffin am deutlichsten. Gedichte und auf Papier festgehaltene Gedanken, liegen zusammen mit Stofftieren vor der Kirche. Immer noch bringen Menschen Kerzen, hier ebbt der Straßenlärm deutlich ab.

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Die Behörden haben rot-weiße Scherengitter an den „Gedenkstellen“ aufgestellt, um die Durchfahrt der Trams zu gewährleisten. In der Seitengasse, die von der Stadtpfarrkirche über einen verschlungenen Weg zum Bischofsplatz führt, sitzt eine ältere Frau am Zaun eines Innenstadtgartens und vergießt stille Tränen. Auch draußen auf der belebten Herrengasse ziehen die Menschen immer wieder Taschentücher. Die Geschäfte und Lokale sind wieder geöffnet, einige zeigen ihr Mitgefühl: Das persische Restaurant „Saray“ in der Jungferngasse hat eine Gastrotafel aufgestellt. Auf ihr steht in Kreideschrift neben einer stilisierten Kerzenflamme: „Graz trauert - und wir mit“.

Weiter vorne Richtung Hauptplatz, wo in einem Schanigarten mehrere Menschen verletzt wurden, ersetzen junge Mädchen ausgebrannte Kerzenbehälter durch neue. Eine Freundin sei hier verletzt worden, heißt es. Selbst mitten auf dem Hauptplatz räumen die Behörden kleine Kerzen-“Inselchen“ nicht weg - die Menschen sollen offenbar ihren winzigen, eigenen Trauerort haben dürfen.

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Auch vor dem ersten Tatort in der Zweiglgasse, wo ein Mann starb und seine junge Frau schwerst verletzt wurde, werden immer noch Blumen und Kerzen abgelegt. Dieser Ort wird wegen seiner Lage als Durchzugsstraße nicht so stark wahrgenommen - das Bild des jungen Paares tauchte am Samstag als erstes beim zentralen Hauptplatz auf.

Am Hauptplatz sind am späten Vormittag gerade die Stadtregierung und die erst jüngst angelobte Landesregierung unter Bürgermeister Siegfried Nagl und Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (beide ÖVP) dabei, sich ins Kondolenzbuch der Stadt Graz einzutragen. Das Buch liegt im Schatten des Arkadengänge auf.

Die Amokfahrt sorgt seit Tagen für teils emotionsgeladene Diskussionen und teils ausländerfeindlichen Reaktionen im öffentlichen Raum: „Wie ist so etwas nur möglich?“ fragen sich viele und lassen die Antwort offen. Einige meinen offenbar, die Antwort zu kennen: In einer Tram von Hauptplatz zum Jakominiplatz sprechen zwei ältere Frauen miteinander. „Bosnier war er.“ Dann ist von „immer die“ die Rede. Den Hinweis eines Fahrgastes, dass im Mai 2003 ein 17-jähriger betrunkener Oberösterreicher auf der Flucht vor der Polizei am Grazer Glacis zwei Menschen, darunter einen neunjährigen Buben, mit seinem Auto getötet hatte, verpufft - fast - ohne Reaktion. „Ihr seid‘s arm, Ihr Jungen, I leb‘ eh net mehr lang, aber Ihr müsst‘s damit leben.“


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