100. Geburtstag von Christine Lavant: Kärnten gedenkt der Dichterin

Klagenfurt (APA) - Einen Tag vor der Verleihung des 39. Ingeborg-Bachmann-Preises wird in Kärnten einer anderen bekannten Dichterin des Land...

Klagenfurt (APA) - Einen Tag vor der Verleihung des 39. Ingeborg-Bachmann-Preises wird in Kärnten einer anderen bekannten Dichterin des Landes gedacht: Am 4. Juli vor 100 Jahren wurde Christine Thonhauser geboren, die später nach ihrer Heirat mit einem um vieles älteren Maler Christine Habernig hieß, in die Literaturwelt jedoch mit ihrem nach dem Tal ihrer Geburt gewählten Künstlernamen Christine Lavant einging.

„Nicht nur das Todesjahr 1973 und die Neigung zur Schwermut teilten die berühmten Kärntner Dichterinnen, sondern auch die sehr anrührende Mischung aus lebenslanger persönlicher Verletzlichkeit und weiblicher Anziehungskraft“, zieht Edith Ulla-Gasser im Magazin des Radiosenders Ö1, der Lavant in den kommenden Tagen einige Sendungen widmet, eine Parallele zu Ingeborg Bachmann.

Die Voraussetzungen für eine literarische Karriere waren denkbar schlecht: Sie wurde in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal als neuntes Kind einer Flickschneiderin und eines Bergarbeiter geboren und hatte bereits als Baby und Kleinkind mit großen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Auf späteren Fotos sieht man eine zarte, ja ausgemergelt wirkende Frau, und die Liste der Erkrankungen, die sie ihr Leben lang beeinträchtigten, ist lange. Sie reicht von Skrofulose, einer aggressiven Geschwulst, über Tuberkulose und chronischer Lungenentzündung bis zu einer zunächst übersehenen Mittelohrentzündung, in deren Folge sie an einem Ohr fast gänzlich ertaubte.

„Christine Lavant ist eine Dichterin der Sinne. Gerade, weil sie selbst schlecht sah und hörte, sind ihre Gedichte von einer Empfindungsintensität geprägt, die ihresgleichen sucht“, schreibt Fabjan Hafner, der Leiter des Musil-Instituts. Zeitlebens litt Christine Lavant auch unter schweren Depressionen. Erfahrungen in der Nervenheilanstalt Klagenfurt verarbeitete sie später in „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“.

Ihre Schullaufbahn endete in der Hauptschule, doch durch eine Freundin wurde sie zu künstlerischer Arbeit angeregt. Sie begann zu malen und zu schreiben. Erste öffentliche Erfolge ihrer schriftstellerischen Arbeit stellten sich erst nach dem durch Vermittlung der Dichterin Paula Grogger zustande gekommenen Kontakt zu dem Verleger Viktor Kubczak ein, der ihr auch zu ihrem Pseudonym riet. Ihre erste Erzählung, „Das Kind“, erschien 1948.

Mit zunehmendem Erfolg ihrer Erzählungen und Gedichtsammlungen („Die Bettlerschale“, „Spindel im Mond“, „Der Pfauenschrei“ u.v.a.) fand die meist Kopftuch tragende Außenseiterin Zugang zu Kärntner Künstlerkreisen, lernte den Maler Werner Berg kennen, verkehrte im Tonhof des Ehepaars Lampersberg und machte dabei auch Bekanntschaft mit Thomas Bernhard. Dieser bewunderte ihre Lyrik und nannte sie „das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern missbrauchten Menschen“. Eine Übersiedlung nach Klagenfurt, wo sie in einem Hochhaus wohnte, war 1966 jedoch nur von kurzer Dauer. Sie war in ihrer unmittelbaren Heimat zu sehr verwurzelt.

Lavant wurde 1954 und 1964 mit dem Georg-Trakl-Preis, 1964 mit dem Anton-Wildgans-Preis und 1970 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet. 1973 starb sie nach einem Schlaganfall im Krankenhaus Wolfsberg.

Der 100. Geburtstag am 4. Juli wird in ihrem Geburtsort in St. Stefan im Lavanttal ausgiebig gefeiert: Neben Lesungen mit musikalischer Umrahmung (es spielt u.a. das „Christine Lavant Quartett“) wird auch der Platz vor dem Haus der Musik in „Christine-Lavant-Platz“ umbenannt. Im Robert-Musil-Literatur-Museum in Klagenfurt ist ihr Wohn- und Arbeitszimmer rekonstruiert. In Wolfsberg ist die Ausstellung „Christine im Lavanthaus“ zu sehen, im „kunstraum lakeside“ wird am 3. Juli die Ausstellung „So wilde Freiheit war noch nie“ eröffnet.

Neben zahlreichen Lesungen gibt es auch Konzerte mit Lavant-Bezug, etwa am 14. August beim „Carinthischen Sommer“ („Ich will vom Leiden endlich alles wissen“). Im Stadttheater Klagenfurt findet am 8. Oktober die Premiere des Stücks „Lavant!“ von Bernd Liepold-Mosser und Ute Liepold statt, die Musik steuert Clara Luzia bei. Am Wiener Volkstheater zeigt man ab 4. Dezember „Das Wechselbälgchen“ in einer Dramatisierung von Maja Haderlap im Rahmen der Bezirks-Tournee. Sogar eine Verfilmung durch Julian Roman Pölser ist in Vorbereitung. Am 18. November beschäftigt sich auch ein Archivgespräch im neuen Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek mit Lavant.

„Große Dichtung, die in der Welt noch nicht so, wie sie es verdient hat, bekannt ist“, nannte Thomas Bernhard einst Lavants Werk. Auch die mit den „zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte“ begonnene vierbändige Werkausgabe, die im Herbst mit den „zu Lebzeiten veröffentlichten Erzählungen“ fortgesetzt wird und 2017 abgeschlossen sein soll, könnte dies ändern. Die Lavant-Renaissance, um die u.a. die 1994 gegründete Christine Lavant Gesellschaft kämpft, scheint in vollem Gange.

(S E R V I C E - Erster Band der Werkausgabe im Wallstein Verlag: „Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte“, Hg. und mit einem Nachwort von Doris Moser und Fabjan Hafner, 39,10 Euro, 720 S., ISBN: 978-3-8353-1391-0; „Drehe die Herzspindel weiter für mich. Christine Lavant zum 100.“, hg. von Klaus Amann, Fabjan Hafner und Doris Moser, Wallstein Verlag, 184 S., 20,50 Euro, ISBN: 978-3-8353-1652-2; Christine Lavant: „Das Wechselbälgchen“, Neu hg. und mit einem Nachwort versehen von Klaus Amann, Wallstein Verlag, 17,40 Euro, 104 S., ISBN: 978-3-8353-1147-3; „Das Wechselbälgchen“ Mandelbaum Verlag, Klangbuch mit Sophie Rois - Stimme, Franz Hautzinger, Matthias Loibner, Peter Rosmanith - Musik, 24,90 Euro, ISBN 978-3-85476-479-3; www.christine-lavant.at)


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