Liefers: „Meine Spinnereien waren dort willkommen“

„Tatort“-Star Jan Josef Liefers über seine Kindheit in der DDR, Fluchten in die Theaterwelt und die Rolle der Musik in seinem Leben.

Deutschsprachiger Poprock mit aus Film und Fernsehen bekanntem Frontmann: Jan Josef Liefers kommt morgen mit „Radio Doria“ nach Hall.
© Veranstalter

Innsbruck –Dass man als Schauspieler auch ein armes Würstchen sein kann, zeigt­e Jan Josef Liefers kürzlich bei der Verleihung der deutschen Filmpreise, wo er im Hotdog-Kostüm auf der Bühne antanzt­e. Alles nur Show natürlich, der 1964 in Dresden geborene Liefers jedenfalls kann sich über mangelnde Zuwendung und/oder Beschäftigung nicht beklagen, als Filmschauspieler ist er gefragt, als schrulliger Professor Boerne ist er Teil des beliebtesten „Tatort“-Teams. Mit einiger Leidenschaft pflegt Liefers allerdings seit Jahren auch ein zweites Standbein – nämlich die Musik: Mit seiner Band Radio Doria und dem Album „Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ gastiert er morgen Sonntag beim Burgsommer Hall. Der TT beantwortete er vorab ein paar Fragen per Mail.

Sie haben in vergleichsweis­e jungen Jahren, nämlich schon mit 45, eine Autobiografie vorgelegt: „Der Soundtrack meiner Kindheit“ erzählt von einer Kindheit und Jugend in der DDR, aber eben auch von Ostbands wie den Puhdys, Silly oder Lift. Wollten Sie diese Bands mit dem Buch und dem gleichnamigen, vorher erschienenen Album auch ein wenig vor dem Vergessen bewahren?

Jan Josef Liefers: In vergleichsweise jungen Jahren kann man sich wenigstens noch an alles erinnern. Es sollte eh ein Buch werden über einen heranwachsenden jungen Mann in der DDR, der Zuflucht in der Musik sucht, die er eben in seinem Land vorfindet. Da ich genau so einer war, war das am einfachsten mit meinen Erinnerungen zu erzählen. Und so was nennt man dann eben Autobiografie. Ich konnt­e lange nicht über mein Leben in der DDR reden, wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Für Unvergesslichkeit müssen die Bands von damals selbst sorgen, da kann ich eh nicht helfen.

Sie sind in Dresden in einer Künstlerfamilie aufgewachsen, der Vater Regisseur, die Mutter Schauspielerin. Bot dieses Umfeld auch Fluchtmöglichkeiten vor dem politische­n System?

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Liefers: Wenn man nicht nach außen flüchten kann, flüchtet man nach innen. Die Theater­welt meiner Eltern war sehr gut für mich. Alles, womit ich sonst immer aneckte, mein­e Spinnereien, meine groß­e Klappe, waren dort willkommen. Man besaß etwas Narren­freiheit.

Wann hatten Sie selbst Ihre erste Band und Ihre ersten öffentlichen Auftritte?

Liefers: Mit 14 etwa. Es gab leider keine Band, ich war der Junge mit der Gitarre. Notgedrungen. Für größere Auftritte brauchte man in der DDR offizielle Genehmigungen und eine so genannte Einstufung mit Spielerlaubnis. So was besaß ich nicht. Also blieben nur Stadtteilfeste auf Hinterhöfen.

Sie touren derzeit mit „Radio Doria“, was hat es eigentlich mit dem Namen der Band auf sich?

Liefers: Wir haben alle unseren körpereigenen Radiosender im Kopf. Manchmal quält der uns, manchmal macht er uns glücklich, manchmal lässt er uns nachdenklich werden, und manchmal dudelt er nur so. Ungefähr aus denselben Gründen machen wir Musik.

Was gibt Ihnen die Musik, was Ihnen die Schauspielerei nicht geben kann?

Liefers: Ich brauche keine Roll­e zu spielen, in kein fremdes Leben zu schlüpfen. Und ich darf meine eigenen Texte sagen oder singen. Mir begegnet ein anderes Publikum und ein anderer Kosmos.

Sie haben eine beein­druckende Filmografie vorzuweisen – gibt es eine Lieblings­produktion?

Liefers: Es gab im Nachhinein Filme, die Weichen gestellt haben. „Knockin’ on Heaven’s Door“ oder die Begegnung mit Helmut Dietl bei „Rossin­i“. Aber am liebsten sind mir immer die, die ich gerade mach­e.

Welche Drehbücher liegen derzeit auf Ihrem Tisch? Welche Filmprojekte stehen an?

Liefers: Am 16.7. kommt ein abgefahrener Film in die Kino­s, der heißt „Desaster“. Schwarzer Humor ... Nicht gerade eine deutsche Erfindung, ich hoffe hier sehr auf die Öster­reicher!

Ihre Rolle als Rechtsmediziner im Münsteraner „Tatort“ hat unter all Ihren künstlerischen Betätigungsfeldern die vermutlich größt­e Breiten­wirkung. Ärgert es Sie, wenn Sie darauf reduziert werden?

Liefers: Breitenwirkung stimmt, aber Reduzierung stimmt gar nicht! Professor Boerne hat Regisseure und Produzenten auf erstaunlich viele andere Ideen gebracht und ich fühle mich alles ander­e als festgelegt.

Die Fragen stellte Ivona Jelcic


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