Nach Amokfahrt - Bürgermeister: „Mensch Legierung aus Gut und Böse“

Graz (APA) - Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl fasste die Stille der Stadt am Sonntag im Gedenken an die Opfer des Amokfahrers zusamme...

Graz (APA) - Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl fasste die Stille der Stadt am Sonntag im Gedenken an die Opfer des Amokfahrers zusammen: „Es fehlen einem die Worte“. Er zitierte Victor Frankl: „Das menschliche ist eine Legierung aus Gut und Böse“. In den Augen des Täters sah er ein Stück Hölle, in den Augen der Helfer aber den Himmel. Bundespräsident Heinz Fischer: „Nächstenliebe ist stärker als Hass“.

Nagl sagte beim abschließenden Gedenkakt am Hauptplatz am Abend, er trauere um die Opfer, um den getöteten Adis und um den getöteten Valentin: „Und ich trauere auch um jene junge Frau, deren Lebensgeschichte ich nicht kenne, und die nicht einmal im Tod jemanden abgegangen zu sein scheint“. Er habe noch nie so viel geredet, wie in den vergangenen Tagen - „obwohl mir nicht danach war“. Er sage allen „ein herzliches Dankeschön und Vergelt‘s Gott, den Einsatzorganisationen und allen Helferinnen und Helfern, die ihren Mitbürgern beigestanden sind. Wenn das alles einen Sinn gehabt, dann den, dass wir um die Verletzlichkeit unserer Gesellschaft wissen, aber auch um den Zusammenhalt, den wir hier alle zum Ausdruck bringen“. Dann kritisierte Nagl die wüsten Spekulationen und Beschimpfungen in sozialen Medien seit der Amokfahrt: „Es ist die Sprache, die immer roher wird“. Aber wenn hier eine Änderung und Einsicht gelinge, „dann sehe ich am Ende des Tunnels für unsere Stadt ein Licht“.

Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (VP): „In dieser Stunde sind unsere Gedanken und Gebete bei den Angehörigen der Toten und der Verletzten. Wir werden sie schützen, wir werden sie stützen, wo immer wir dazu fähig sind. Unsere Herzen sind traurig“. Alle hätten die Frage nach dem Warum gestellt: „Sie wird nicht beantwortet werden können. Man wird niemals Gewalttaten verhindern können. Das Ereignis hat uns einmal mehr vor Augen geführt, wie sehr wie einander brauchen. Nicht nebeneinander, sondern miteinander müssen wir leben. Wir können das, jeder und jede von uns“. Was am letzten Samstag geschehen sei, könne man nicht mehr ungeschehen machen. Die Narben blieben, aber es habe auch bewegt, wie Menschen zusammenrücken und helfen - „Ärzte, Krankenpersonal und Laien, und die vielen Menschen, die in unserer Herrengasse, unserer Hauptstraße ihre Solidarität bekundet haben - die Kerzen, die Stofftiere. Wenn tausende durch die Stadt gehen, ist das ein Zeichen der Gemeinsamkeit. Wir geben einander halt. Graz ist eine weltoffene Stadt, ebenso wie die Steiermark, in der die Menschen willkommen sind“.

Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) wandte sich direkt an die „Familienangehörigen der Opfer“ und sprach sein Beileid aus. „Das Leid, dass dieser Amoklauf über sie gebracht hat, kann nie ungeschehen gemacht werden. Solidarität heißt, dass man in guten wie in Krisenzeiten zusammensteht. Dass man Erste Hilfe leistet, Rettung und Exekutive unterstützt. Graz hat zusammengehalten, in diesen Tagen, das konnte man in ganz Österreich spüren“. Graz und Österreich sind angesichts der furchtbaren Tat näher aneinander gerückt. Lassen wir nicht zu, dass eine solche unfassbare Tat genutzt wird, um Hass und Zwietracht säen“, so der Kanzler. Er danke allen, die heute gekommen seien und ein Zeichen gegen Gewalt und eins für Mitgefühl gesetzt haben.

Bundespräsident Heinz Fischer sagte: „Graz trauert, das können wir in den Straßen heute lesen und wir hören es auch und vor allem spüren es. Diese Tat gestern vor einer Woche, wo in wenigen Minuten ein vierjähriges Kind, eine junge Frau, ein eben verheirateter Mann, alle jung und unschuldig, getötet wurden und so viele Verletzte - das ist unbegreiflich“. Nächstenliebe und Zuwendung seien aber „viel, viel stärker als Hass und Aggression. Der Mensch, die Krone der Schöpfung genannt, ist zu einem eindrucksvollen Ausmaß an Nächstenliebe und Mitgefühl fähig, und auch zu unfassbaren Handlungen und Verbrechen“. Er wünsche den Verletzten gute Besserung und baldige Wiederherstellung, sein Dank gehe an alle, die sich seit vergangen Samstag so hervorragend bewährt haben: „Es ist eine schwere Belastung, ein Schock, aber ich weiß, Graz wird diese Wunde heilen lassen“, schloss der Präsident.

„Wir sind füreinander da“ erschien als Abschluss auf den Videowänden, bevor der Bundespräsident und die Bundesregierung neben vielen anderen Teilnehmern sich im Kondolenzbuch der Stadt eintrugen.


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