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Leben um zu Überleben - Die Krise im Südsudan

Juba/Yambio/Wien (APA) - Und dann kommt ganz langsam die kleine Kinderhand, die sich in deine schiebt. Sie ist dünn vom Hunger. Rebecca Aton...

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Juba/Yambio/Wien (APA) - Und dann kommt ganz langsam die kleine Kinderhand, die sich in deine schiebt. Sie ist dünn vom Hunger. Rebecca Atong (35) lebt mit ihren sieben Kindern in einem Flüchtlingslager im Bürgerkriegsland Südsudan. Ihr Ehemann, ein Arzt, wurde vor ihren Augen von den Rebellen vor ihrem Haus erschossen.

Der Südsudan feiert am Donnerstag (9. Juli) den vierten Jahrestag seiner Unabhängigkeit vom Sudan. Jahrzehntelange Kämpfe waren ihr vorausgegangen. Seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft 1956 hatte der christliche Süden um seine Eigenständigkeit gegen den arabischen Norden gerungen.

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Doch der Frieden hielt nicht lange. Im Dezember 2013 eskalierte der Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir (von der Volksgruppe der Dinka) und seinem langjährigen Rivalen und früheren Stellvertreter Riek Machar (Volksgruppe Nuer). Die Friedensverhandlungen scheiterten bisher. Diesen Monat sollen sie fortgesetzt werden und zu einem Friedensabkommen führen. Beobachter zweifeln jedoch an einer Unterzeichnung bzw. der Umsetzung eines ebensolchen. Neben den Verteilungskämpfen der mehr als 60 Volksgruppen in dem afrikanischen Binnenland, prägen auch die Interessen einiger Nachbarländer (Sudan, Uganda, die Demokratische Republik Kongo, Äthiopien, Kenia und die Zentralafrikanische Republik) und die der internationalen Gemeinschaft den Konflikt.

Schätzungen zufolge wurden bisher Zehntausende Menschen in dem Konflikt getötet, 13.000 Kinder seien gezwungen worden, sich an den Kämpfen zu beteiligen. Buben werden zwangsrekrutiert, Mädchen und Frauen vergewaltigt. Mehr als zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht, ohne Unterkunft, Land und Vieh. Zwei Drittel der zwölf Millionen Einwohner sind nach UNO-Angaben auf Hilfe angewiesen, 4,5 Millionen leiden unter Nahrungsmittelknappheit. Laut einem UNO-Bericht sind rund 250.000 Kinder vom Hungertod bedroht. Die UNO rief den humanitären Notstand aus.

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Die Caritas Kampagne „Für eine Zukunft ohne Hunger“ hat sich heuer daher neben dem Nahen Osten den Südsudan zum Schwerpunkt gesetzt. Auch das Flüchtlingslager am Rande der Hauptstadt Juba wird mit ihren Geldern unterstützt.

Atong, vom Stamm der Dinka, lebt seit Mai mit ihren Kindern hier unter mehr als 6.000 anderen Flüchtlingen in einem der kleinen Zelte aus Plastikplanen. Die Hitze und der Geruch sind im Zelt noch bissiger als davor. Ihr ganzes Hab und Gut besteht nach ihrer Flucht aus Decken und ein wenig Kleidung von der Nothilfe. Einen Zehnliter-Kübel Mehl oder Reis und zwei bis drei Liter Bratöl bekommt Atong pro Monat für sich und ihre Kinder zum Kochen. Um ein südsudanesisches Pfund (SSP/ca. 0,9 Euro) kann Atong 20 Liter Trinkwasser kaufen. Wenn sie das Pfund nicht aufbringen kann, geht sie zum nahen Fluss und kocht das Wasser ab. „Das Essen reicht nicht. Meine Zeltnachbarn helfen mir“, zeigt sich Atong dankbar. Ihre älteste elfjährige Tochter würde gerne zur Schule gehen, aber das Schulgeld (500 Pfund für ein Semester) kann sich Atong nicht leisten. Ein Besuch beim Arzt kostet zehn Pfund, sowie die zusätzlichen Gebühren für die Medikamente gegen die verbreiteten Krankheiten wie Malaria, Cholera oder Typhus.

Die faltige, narbenreiche Haut von Christoper Kirarigu erzählt seine Lebensgeschichte. Mit 70 Jahren hat er im Südsudan (die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 55 Jahren) ein hohes Alter erreicht. Er lebt in der fruchtbaren „Kornkammer“ des Südsudan, dem Bundesstaat Western Equatoria (West-Äquatoria), wo die Caritas ebenfalls Projekte für eine nachhaltige, ökologisch verträgliche Landwirtschaft unterstützt. Die Region wurde immer wieder von Angriffen der Rebellengruppe Lord‘s Resistance Army (LRA) des international gesuchten Kriegsverbrechers Joseph Kony heimgesucht. Dorfbewohner wurden umgebracht, in den nahen Kongo verschleppt, gefoltert und als Sklaven missbraucht. Kirarigu lebte eineinhalb Jahre als Opfer der LRA im Busch. „Tagsüber mussten wir für die LRA Güter schleppen oder ihnen Wasser bringen. Nachts haben sie uns mit Planen bedeckt, wir durften nicht einmal urinieren gehen. Ich habe alle Arten von Folter erfahren. Wenn du bei der Arbeit nicht schnell genug warst, haben sie dich geschlagen oder umgebracht.“ Bei seiner Flucht wurde Kirarigu angeschossen. „Auch das Zurückkommen (ins Dorf, Anm.) ist eine Herausforderung, und das Leben wieder neu zu beginnen.“

Ihre Hände zittern. Auch Clementina Mitebere (30) wurde von der LRA eines Abends entführt, als sie mit ihrer Mutter beim Feuer saß. Sie musste für die LRA kochen und Wasser tragen - aber auch andere Dorfbewohner entführen und umbringen. „Ja, ich musste eine Person töten“, zieht Mitebere die leisen Worte in endloses Schweigen. Nach eineinhalb Jahren gelang ihr bei einem Angriff der ugandischen Armee gegen die LRA die Flucht. In ihr Dorf brachte sie ein Kind mit, das sie wie viele der Frauen, die von der LRA entführt und systematisch vergewaltigt werden, im Wald zur Welt gebracht hatte. Die Dorfbewohner betrachten diese Kinder mit Argwohn. „Mit der Traumabehandlung und Gebeten wird es besser“, verharrt der Blick Miteberes am Boden.

Im Februar erfolgte der jüngste Angriff der LRA, zuvor war es zwei Jahre lang zu keinem Überfall gekommen. Grund sind die selbst organisierten Gruppen der Bogenschützen „Arrow Boys“. Die meisten wehrfähigen Männer der Region gehören diesen Gruppen an. Nach der Entwaffnung im Zuge des Friedensabkommens 2005 besannen sie sich auf ihre alte Jagdtradition, das Bogenschießen. Ihre Anzahl kann nur geschätzt werden. Die Zentralregierung in der Hauptstadt Juba, die Soldaten für ihre Armee rekrutiert, betrachtet sie kritisch.

„Die ‚Arrow Boys‘ haben wirklich gute Arbeit geleistet. Wir sind sehr glücklich über ihre Tätigkeit“, stellt sich der Gouverneur von Western Equatoria, Bangasi Joseph Mario Bakasoro, im Journalistengespräch der Zentralregierung in Juba entgegen. „Wir unterstützen sie (die ‚Arrow Boys‘, Anm.) moralisch, haben aber keine Mittel sie zu finanzieren. Die LRA ist immer noch an der Grenze, sie beobachten uns.“ Die regierende Partei um die Südsudanesische Volksbefreiungsarmee (Sudan People‘s Liberation Army/SPLA) und die „Arrow Boys“ hätten einen „kleinen Konflikt“.

Ein Konflikt viel größeren Ausmaßes tobt nach wie vor in den Grenzgebieten zwischen dem Südsudan und dem Sudan. „Jeden Tag werden die Nuba-Berge von (dem sudanesischen Präsidenten Omar Hassan, Anm.) Al-Bashir bombardiert“, erzählt die in den Südsudan geflüchtete angehende Lehrerin Kucha Gisma Ataip (28) in der Hauptstadt von Western Equatoria, Yambio. Aufständische des Nuba-Volkes bekämpfen die sudanesische Regierung seit 2011. Sie waren während des Unabhängigkeitskrieges des Südsudans mit den heute dort regierenden SPLA-Rebellen verbündet, finden sich jetzt aber in der Nordhälfte des geteilten Landes wieder. Wie viele Menschen bereits getötet wurden, ist unklar. Hunderttausende sind in den Südsudan geflohen. Wegen des Krieges sind die meisten Schulen in der umkämpften Region Südkordofan geschlossen.

Dennoch möchte Ataip nach ihrer Ausbildung am Solidarity Teacher Training College in Yambio, das von der Caritas unterstützt wird, wieder zurück in ihre Heimat, um zu unterrichten. „Alle Lehrer in den Nuba-Bergen bekommen kein Gehalt. Die ehrenamtliche Arbeit ist mein Ziel, nicht das Einkommen. Ich muss das für meine Brüder und Schwestern tun“, zeigt sich Ataip idealistisch. Bereits in ihrer Kindheit war es für ihre Eltern hart, das Schulgeld aufzutreiben. Wenn es fehlte, wurde Ataip wieder nach Hause geschickt. Dabei trat sie jeden Morgen um fünf Uhr Früh ihren Schulweg an, um um acht in der Schule zu sein. Auf dem Weg wurden Buben als Kindersoldaten zwangsrekrutiert, Mädchen Opfer von Vergewaltigungen, sie selbst sei diesen entgangen, erzählt Ataip in stoischer Ruhe.

Die Projekte der Caritas im Südsudan setzen sowohl auf Nothilfe und Ernährungsprogramme, als auch auf langfristige Maßnahmen, wie nachhaltige Landwirtschaft und Bildung. „Wer in den Südsudan reist, sieht, dass der Hunger überall präsent ist. Die Situation hat sich in den vergangenen 18 Monaten zugespitzt“, erklärt der Präsident von Caritas Österreich, Michael Landau, vor Journalisten in Yambio. 2013 seien noch 900.000 Menschen im Südsudan von Hunger betroffen gewesen, nach neuesten Zahlen der UNO sind es 4,5 Millionen Menschen. Die südsudanesische Regierung weist einen Zustand der „Hungersnot“ jedoch strikt zurück. „Die Zukunft des Südsudan hängt auch von Hilfe aus Österreich ab. Österreich hat die Aufgabe, das jüngste Land der Erde zu einer Demokratie zu begleiten.“ Eine bis eineinhalb Millionen Euro investiert die Caritas jährlich im Südsudan. Das „Sustainable Livelihood Program“ mit Sitz in Yambio ist von Caritas Österreich aufgebaut und hauptfinanziert.

795 Menschen leiden nach Schätzungen der UNO derzeit weltweit an Hunger, das heißt jeder zehnte Erdbewohner weltweit ist unterernährt. Täglich sterben 8.000 Kinder an Hunger und Unterernährung. „Wir sollen auch aus Österreich einen Beitrag leisten, dass niemand hungern muss. In Österreich gehören die Anstrengungen der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (EZA) deutlich ausgebaut. Der Auslandskatastrophenfonds ist auf 20 Millionen Euro zu erhöhen“, so Landau. „Die Geburt in Österreich ist so etwas wie ein Lotto-Sechser. Die Caritas ist ein Stück weit ein Glück-Ausgleichsfonds. Jeder Euro kann Leben retten.“

(S E R V I C E - Caritas-Spendenkonto PSK, IBAN: AT92 6000 0000 0770 0004, BIC: OPSKATWW, Kennwort: Hungerhilfe, INTERNET: www.caritas.at)

~ WEB http://www.caritas.at/ ~ APA034 2015-07-07/08:01


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