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Paul Theroux: Liebesleid in der Sommerhitze

Zwei Neuerscheinungen des US-amerikanischen Reiseschriftstellers Paul Theroux.

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© picture alliance / Effigie/Leema

Von Joachim Leitner

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Innsbruck –Was für eine Reise: 1973 bestieg US-Schriftsteller Paul Theroux, damals 32 Jahre alt, in London den Zug und fuhr damit – da verspricht der Untertitel dieser Tage als „Basar auf Schiene“ wieder aufgelegten Reflexionen nicht zu viel – um die halbe Welt. Allein die Route scheint heute unvorstellbar: Den Orient-Express mag es als Attraktion für finanzstarke Nostalgiker noch immer geben, aber danach Express von Istanbul nach Teheran? Und von Teheran mit der Khaiberbahn durch Afghanistan? Oder – zahllose Schaffnerbesuche später – mit dubiosen Bummelzügen bis nach Ragun im damaligen Birma? Wohlmeinende Reisewarnungen vom Außenministerium dürften noch die kleinsten Probleme sein, die ambitionierte Nachahmer erwarten. Kurzum: Die Welt, wie sie Theroux beschreibt, gibt es nicht mehr, sein vielfarbiger Bericht hat also nicht zuletzt das Zeug zur Zeitmaschine.

Wobei es dem „Zugbewohner“ Theroux weniger um die Länder geht, die an seinem Abteilfenster vorbeiziehen, als um die Menschen, die zusteigen und denen er ihre Geschichten abtrotzt – oder ihnen, im seltenen Falle von schweigsamen Weggefährten, zuschreibt. Er habe die Züge, die ihm bereits im Kindesalter als Vehikel des Aufbruchs in ein anderes Leben faszinierten, gesucht – und Reisende gefunden, schreibt Theroux und komprimiert das, was er über diese in Erfahrung bringt zu anschaulichen Erzählungen: mal deftig, dann einfühlsam, trotzdem unaufdringlich und unsentimental, ein launiges Meisterstück.

Um eine folgenreiche Reise geht es auch in Theroux’ neuestem eher novellistisch angelegten Kurzroman „Der Fremde im Palazzo d’Oro“. Genau genommen sind es sogar zwei Reisen: Die eine führt einen in die Jahre gekommenen US-Künstler nach Taormina in Sizilien, die andere zurück ins Jahr 1962. Auch damals machte der Protagonist in Taormina Station – und erlebte in der sengenden Hitze eines mediterranen Sommers eine amouröse Katastrophe, von der er sich im Grunde nie mehr erholte. Er verfällt einer mysteriös-mondänen Gräfin, wird zum „American Gigolo“, zum Gespielen für gewisse Stunden – und muss erfahren, dass sich hinter manch schönem Schein monströses Sein verbirgt. Diskret ist nichts an diesem Text. Weder das mit dem Verve einer Altmännerfantasie geschilderte Liebesspiel noch die Motivbündel, die Theroux in seine Erzählung packt: ein bisschen „Frankenstein“, Billy Wilders „Fedora“, dazu „Der talentierte Mister Ripley“ von Patricia Highsmith und jede Menge gestelztes Bildungsbürger-Parlando. Mit anderen Worten: ungefähr so mitreißend wie das Warten auf einen verspäteten Anschlusszug.

Reisejournal Paul Theroux: Basar auf Schiene. Eine Reise um die halbe Welt. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Werner Peterich, bearbeitet von Christian Döring. Die Anderer Bibliothek, 430 Seiten, 43.20 Euro. Roman Paul Theroux: Der Fremde im Palazzo d’Oro. Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens, Hoffmann und Campe, 174 Seiten, 18.50 Euro.

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