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Homosexuelle leiden in Jerusalem unter Diskriminierung

Jerusalem (APA/AFP) - Die Kellnerin in der einzigen Homosexuellen-Kneipe in der Heiligen Stadt Jerusalem ist wegen der Messerattacke auf die...

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Jerusalem (APA/AFP) - Die Kellnerin in der einzigen Homosexuellen-Kneipe in der Heiligen Stadt Jerusalem ist wegen der Messerattacke auf die Gay Pride-Parade vergangene Woche immer noch erschüttert. „Homosexuell zu sein in Jerusalem ist ein alltäglicher Kampf“, beklagt Moran, die im „Video“ arbeitet. Die Bar liegt versteckt in einer Seitenstraße im Zentrum von Westjerusalem.

„In jedem Moment, je nach Straße, muss ich mich entscheiden, ob ich mit meiner Freundin Händchenhalten darf.“ Obwohl Tel Aviv, eine der schwulen- und lesbenfreundlichsten Städte der Welt, nur 70 Kilometer entfernt liegt, fühlen sich Homosexuelle in Jerusalem wie auf einem anderen Planeten. „Tel Aviv lebt unter einer Käseglocke, wo alles erlaubt ist“, sagt Moran. „Willst du mit einem Huhn auf dem Kopf durch die Straßen laufen, schaut dich dort keiner schief an.“

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Anders als in den israelischen Küstenstädten wurden die alljährlichen Homosexuellen-Umzüge in Jerusalem immer von homophoben Aktivisten oder manchen Zufallspassanten ausgebuht. Die Polizei muss massive Präsenz zeigen. Das reichte am 30. Juli aber nicht aus, als Yishai Schlissel, ein ultraorthodoxer Jude, mit einem langen Messer auf sechs an der Parade Teilnehmende einstach. Die 16-jährige Shira Banki starb drei Tage später an den schweren Stichwunden.

Die Polizei ermittelt seitdem intern, wie es möglich war, dass Schlissel bis zur Parade vordringen konnte. Erst drei Wochen vorher war er nach zehn Jahren Haft freigekommen. Wegen eines ähnlichen Angriffs mit drei Verletzten landete er im Gefängnis. Nach seiner Freilassung hatte Schlissel sofort Drohbriefe gegen die diesjährige Parade verfasst: Homosexuelle seien „Sünder“ und ihr „Marsch der Abscheulichkeiten durch die Stadt des Allmächtigen“ beleidigten dessen Namen.

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Der strenggläubige Fanatiker lehnt den israelischen Staat und seine Rechtsprechung ab. Vor Gericht verweigert er deshalb jede Verteidigung. Gegenwärtig wird ein psychiatrisches Gutachten erstellt, um seine Prozessfähigkeit zu prüfen.

Das „Offene Haus“ - das einzige Beratungszentrum in Jerusalem für Schwule, Lesben und Transsexuelle - verrät seinen Zweck nach außen nicht und hält den Eingang seinem Namen zum Trotz durch einen Zahlencode verschlossen. „Die Zuversicht unserer Gemeinschaft liegt zerstört am Boden“, gesteht Dana Sharon, die Leiterin der Hilfseinrichtung. „Seit dem Anschlag haben wir hier Dutzende Menschen beraten, die geschockt, deprimiert und fürchterlich verängstigt sind“, berichtet Sharon.

Die Aktivistin ist überzeugt, dass dieser Angriff nicht der letzte bleibt. „Dabei hatten sich die Dinge in den vergangenen Jahren zum Guten entwickelt. Wir erhielten weniger Drohschreiben und die letzten Paraden verliefen allesamt friedlich“, sagt Sharon und ergänzt: „Wir hätten uns nicht zu früh freuen sollen.“

Auf die besondere Lage in der Heiligen Stadt verweist Nadav, Mitbegründer der Hilfsorganisation Havruta für bekennende homosexuelle Juden: „In Tel Aviv feiern wir bei der Parade das Erreichte. In Jerusalem marschieren wir, um das noch zu erreichen.“ Mit Blick auf den wenige Stunden nach der Messerattacke mutmaßlich von ultrareligiösen Siedlern verübten Brandanschlag auf zwei palästinensische Wohnhäuser, bei dem im besetzen Westjordanland ein Kleinkind getötet wurde, warnt Nadav vor der „Wiederkehr der Zeloten“, der jüdischen Eiferer der Antike.

Zwar handle es sich auch seiner Meinung nach bei Schlissel um einen Einzeltäter. „Aber er hat es getan, weil er weiß, dass die Mehrheit seiner ultraorthodoxen Gemeinschaft ihn unterstützt - vielleicht nicht seine Tat, aber deren homophobe Motive.“

Israel ist bei der Gleichstellung von Homosexuellen eher Vorreiter: Gleichgeschlechtliche Paare können problemlos Kinder adoptieren, Gesetze schützen vor Diskriminierung. „Aber die öffentliche Meinung hält nicht Schritt“, bemängelt Nadav. „Geht es um einklagbare Rechte, sind wir top. Aber in den Augen eines Durchschnitts-Israelis sind wir Schwule minderwertig.“


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