Teil der Gesellschaft: Lebenshilfe fordert zusätzliche Jobchancen

Nur die Hälfte der Unternehmer gibt Menschen mit besonderen Bedürfnissen eine Chance – sie setzt auf Mitarbeiter wie Benjamin und ist froh darüber.

Chefin (r.) und Mitarbeiter schätzen ihn, die Gäste haben ihn ins Herz geschlossen: Benjamin Gürtler arbeitet als Kellner.
© Rizzi Ladinser

Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck –Benjamin Gürtlers Chefin ist wie eine Mutter zu ihm: Sie unterstützt den 22-Jährigen, fördert ihn, ist stolz auf ihn. Manchmal putzt sie ihm die Brille. „So besser?“ „Ja, besser.“ Ermahnt ihn, die vielen Armbänder abzulegen, zumindest bei der Arbeit. Sie gab ihm eine Chance. Er ruft sie am Sonntag an und erzählt, was es Neues gibt. Und sagt: „Ich mag sie auch gerne, die Frau Sailer.“

Benjamin lebt im Wohnhaus der Lebenshilfe in Hall. Er war Regalbetreuer und half in einer Kantine in der Küche aus, bis er die Möglichkeit bekam, für Gerda Sailer zu arbeiten, Wirtin des „Piano“ in Innsbruck. Die betont: „Der Benni ist ein wertvoller Mitarbeiter. Er bekommt bei uns nichts geschenkt!“ Doch das will der junge Mann auch nicht, er will arbeiten und lernen. Schließlich ist es sein Ziel, einmal möglichst alleine zurechtzukommen – in einer eigenen Wohnung. Die Stelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ist der erste Schritt. Er ist gewissenhaft, hilfsbereit und ehrgeizig. „Wenn er einmal in einer Woche nichts Neues gelernt hat, dann passt ihm das gar nicht“, sagt seine Chefin. Wenn es während der Mittagszeit hektisch wird, ist er es, der die Ruhe behält. Er zapft Bier, bringt Getränke, serviert ab, macht sauber und wird mit jeder Tätigkeit immer selbstständiger. Die Gäste haben ihn ins Herz geschlossen, „sie lieben ihn heiß“, meint die Gastronomin.

Sie selbst will Vorbild sein, andere Unternehmer ermutigen: „Es lohnt sich!“ Aber Benni habe das alles auch selbst geschafft: „Weil er es wollte, dass muss ich betonen. Wir haben ihm das eröffnet und er hat es genützt, das ist nicht unser Verdienst. Und dass er bei uns ist, tut auch uns gut.“

Menschen wie Benjamin Gürtler auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit zu begleiten ist ein großes Ziel der Lebenshilfe, sagt Geschäftsführer Georg Willeit. Dabei gehe es um Sinnfindung, um Selbstwert, um Inklusion, also darum, Teil der Gesellschaft zu sein. „Es gibt viele tolle Beispiele dafür, wie gut sich Klienten entwickeln.“ So, wie man es sich zuvor nicht hätte vorstellen können.

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Mit der richtigen Begleitung und Unterstützung sei vieles möglich. Was die Bereitschaft der Unternehmer betrifft, soziale Verantwortung zu übernehmen, sei man auf einem guten Weg. Auch wenn es noch „genügend Luft nach oben“ gebe, so Willeit. Inklusion, Teilhabe, ist in der UN-Konvention für Menschenrechte vorgeschrieben. Derzeit gibt aber nur die Hälfte der Unternehmer, die dazu verpflichtet wären, Menschen mit besonderen Bedürfnissen eine Chance. „Da braucht es noch viel Überzeugungsarbeit.“ Von jenen, die sich darauf einlassen, gebe es jedenfalls viele Rückmeldungen über positive Auswirkungen aufs Betriebsklima sowie Anerkennung bei Kunden.

Benjamin liebt Musik. „Irgendwann möchte ich einmal in einem Nachtlokal arbeiten.“ Was Frau Sailer davon hält? „Ich hoffe natürlich, dass er noch lange bei uns bleibt. Aber eines steht fest: Wenn er sich entschließt wegzugehen, hat er eine hundertprozentige Chance, Fuß zu fassen.“

Berufliche Integration am Arbeitsmarkt

Die „JobChance Tirol“ hilft Jugendlichen mit sozial-emotionalen Handicaps und Menschen mit Lernschwierigkeiten oder besonderen Bedürfnissen bei ihrer Berufsintegration.

Vermittler: Sie ist Servicestelle für Unternehmer, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen eine Chance geben wollen, informiert über Qualifikationen und Förderungen. Unternehmen, die 25 oder mehr Dienstnehmer beschäftigen, sind verpflichtet, auf jeweils 25 Beschäftigte einen Mitarbeiter mit besonderen Bedürfnissen einzustellen.

6627 Pflichtstellen gibt es in Tirol, nur jede zweite ist besetzt.

23.019 Menschen mit Beeinträchtigung (50 % Arbeitsfähigkeit) waren 2014 österreichweit arbeitslos. Die Lebenshilfe fordert, auch jenen, die darunter liegen, eine Chance zu geben.


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