Frequency Festival

Die mit den Wölfen rannten: The Prodigy immer noch bissig

Vor dem Auftritt von The Prodigy gaben Alana Watson und "Nero" Gas.
© APA/Herbert P. Oczeret

Volles Programm auf dem Frequency Festival: Auf allen Bühnen lieferten die Bands am Freitag eine perfekte Show ab.

St. Pölten – Der Nebel wabert, die Bühne ist in rotes Licht getaucht, Keith Flint steht wie ein Hardcore-Punk-Sänger mit einem Bein auf einem Monitor und brüllt ins Mikro: „Run With The Wolves“. Das sind The Prodigy wie sie Fans seit den 90er-Jahren lieben: bissig. In der Nacht auf Samstag türmten die Briten am Frequency Festivals wieder einmal ihre Breakbeats, Drums, Gitarren und Animationsgesänge auf.

Mastermind Liam Howlett hatte anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums „The Day Is My Enemy“ (Universal) seinen Unmut über Star-DJs laut geäußert, die Datenträger in die Anlage stecken und sich dann auf das Armeschwänken als „Show“ beschränken. Bei The Prodigy gilt live tatsächlich als live: Howlett sampelte, zerstückelte, baute auf, riss nieder, begleitet von Schlagzeug und einer Gitarre, angetrieben von den beiden Animateuren, Tänzern, Sängern und Schreihälsen Flint und Maxim Reality. Ersterer durfte natürlich zündeln („Firestarter“), letzterer die Hits „Breath“, „Voodoo People“ und natürlich „Smack My Bitch Up“ einpeitschen.

Dass die Breakbeat-, Acidhouse-, Techno- und Electronica-Pioniere aus Essex anno 2015 weiter Relevanz haben, bewiesen die neueren („Omen“, „Invaders Must Die“) und ganz neuen Songs im Set. „Nasty“, die musikalische Kriegserklärung an alle Befürworter der Fuchsjagd kam zornig, „Wild Frontier“ rau und eben wild, „Roadblox“ mit einem mächtigen Rhythmus. Im Vergleich zu den zuvor gehörten Beats am Festivalgelände klangen The Prodigy wie ein Gegenentwurf zur aktuellen Danceszene: böse, subversiv, altmodisch wie zeitlos, dreckig und vor allem fordernd und nicht nur berieselnd. Großartig das Finale: Die „Wall Of Death“ ging in „Take Me To The Hospital“ über - wie passend.

Die von Maxim immer wieder angesprochenen „Prodigy-People“ hielten zwar bei gesunkenen Temperaturen wacker durch, voller schien das Gelände vor der Space Stage allerdings zuvor bei Nero (live). Zwei DJs und Sängerin Alana Watson fusionierten Dubstep, Drum and Bass, Electro House und Rave publikumswirksam, untermalt von viel Licht. Die Stimmung unter dem Partyvolk war am Brodeln.

Als Alternative zu den elektronischen Klängen boten sich auf der Green Stage The Offspring an. Zunächst holperte der Punkrock-Express ein wenig, beim Opener „You‘re Gonna Go Far, Kid“ wollte der Sound nicht recht mitspielen. Mit Fortdauer, spätestens bei „Why Don‘t You Get A Job“, ging es dann ordentlich ab - bei Band und Publikum. Rotzige Riffs, satte Drums, dynamischer Gesang: „Want You Bad“ und „Pretty Fly (For A White Guy)“ fetzten. „Fucking amazing“, fasste es Frontman Bryan „Dexter“ Holland zusammen.

Freunde der elektronischen Musik zogen in den Nightpark weiter. Dort herrschte nach dem letzten Klang von The Prodigy bereits reges Treiben.

Sie sind zwar nicht als Headliner zum Frequency Festival gekommen, aber Irie Revoltes waren so etwas wie der Nachmittagshauptakt. Dem Geheimtipp-Status ist das Heidelberger Soundkollektiv längst entwachsen, sensationell war die Darbietung und die Stimmung: Die Mischung aus zahlreichen Genres kam ebenso an wie die Antifa-Botschaften der Gruppe um die Brüder Carlos und Pablo Charlemoine.

Iries Revoltes werden gerne als perfekte Festivalband bezeichnet. „Das ist wie ein Ritterschlag“, meinte Carlos im Interview mit der APA. „Das haben wir ja nicht selbst erfunden, aber es wird oft in Berichten über uns geschrieben. Viele Festivalbetreiber wissen mittlerweile, dass es abgeht, wenn man uns bucht, weil diese Kombination aus positiver Energie und politischen Inhalten die Leute mitreißt. Das funktioniert bei allen Genres, egal ob Indie-, Rock-, Pop- oder Reggae-Festival.“

Hip-Hop, Reggae, Dancehall, Ska und elektronische Musik ist im Sound von Iries Revoltes ebenso enthalten wie ein Schuss Rock („es gibt ja auch Punk-Fans in unserer Band“). Ergeben hat sich das auf natürliche Weise: „Es gab kein Konzept, weil wir uns nicht krass Gedanken über Genres gemacht haben“, sagte Pablo. „Wir wollten Musik machen, und uns war klar, dass wir als Kollektiv arbeiten wollten, also dass jede Person in der Gruppe einen Input bringt. Reggae und Hip-Hop war der gemeinsame Faktor, aber sonst wussten wir nicht, was da rauskommt.“

Über das aktuelle, schlicht „Irie Revoltes“ betitelte Album meinte Carlos: „Musikalisch haben wir eine Veränderung gegenüber dem rocklastigeren Vorgänger ‚Allez‘ gemacht, weil wir wieder mehr zu den Beats zurück, aber uns nicht wiederholen wollten. Wir haben den Einfluss der vergangenen 15 Jahre mithingenommen, aber auch viel Neues ausprobiert.“

Genauso wichtig wie die Musik ist der Band die Botschaft. Gegen rechte Strömungen und Ausländerfeindlichkeit hat man Stellung bezogen. Nach dem Song „Antifaschist“ nahmen die Heidelberger von der Bühne herab klar Stellung: „In den 90ern haben Asylheime gebrannt, jetzt brennen wieder Asylheime. Nur weil die Politik nicht menschlich handelt. Kein Platz für Rassismus!“ Das Publikum reagierte mit tosendem Beifall. „Man kann schwer messen, wie viele Leute wir zum Nachdenken bringen“, sagte Carlos. „Aber durch das Feedback wissen wir, dass sich Leute nach unseren Konzerten mit Themen beschäftigen, die ihnen vorher gar nicht bewusst waren. Unsere Konzerte gleichen immer einer Art positiver Demo.“

Dabei scheint Politik in der breiten Musik eine immer kleinere Rolle zu spielen. Pablo stimmte dem zu: „Das hat sich seit Mitte der 90er entwickelt, dass die Musik immer unpolitischer wurde, sie immer mehr zum Spaßfaktor verkommen ist. Spaß ist nicht negativ und auch wichtig, definitiv, aber die politische Ebene, die Menschen zusammenschließen kann, wurde vernachlässigt. Musik kann die Welt nicht verändern, aber Anstöße geben. Umso wichtiger ist es, dass wir laut sind!“

Erstaunlich beim Frequency-Auftritt, wie viele Fans die deutsch-französischen Texte mitsingen konnten. „Wir haben damit, ohne dass wir es wussten, die Leute neugierig gemacht“, schmunzelte Carlos. „Mit unseren Texten muss man sich halt intensiver beschäftigen. Das unterscheidet sich von der ‚im Internet bekomme ich alles sofort serviert‘-Mentalität. Bei uns muss man ein bisschen nachforschen, wenn man kein Französisch versteht. Das ist eine coole Herausforderung, gerade in der heutigen Zeit.“

Soul auf der Green Stage

Soul vom Feinsten - das gab es am Freitagabend auf der Green Stage. Der hochgelobte UK-Sänger Kwabs stellte zu fortgeschrittener Stunde Songs aus seinem am 11. September erscheinenden Album „Love + War“ (Warner) vor. Auf der Space Stage verursachten davor und unterdessen Simple Plan und The Wombats die ersten Massenaufläufe am zweiten Veranstaltungstag.

Kwabs brachte die richtige Mischung aus chilliger Atmosphäre und Power. Angetrieben von coolen Drums konnte man zu jeder Nummer - der Hit „Walk“ fehlte nicht - tanzen. Nun war es endlich dicht gedrängt vor der zweiten großen Bühne. Dort fühlte sich Kwabs sichtlich wohl. „Ich habe immer gerne vor Leute gesungen - egal ob vor zehn oder Tausenden. Für mich ist das was Natürliches. Bei den Auftritten vermittle ich die Botschaft der Lieder auf eine noch berührendere Art“, sagte der 25-jährige Londoner im Interview mit der APA. Dass er, obwohl das Debüt noch gar nicht im Handel ist, einen Top-Slot beim Festival zugesprochen bekam, schraubte die Erwartungen hoch. „Eine interessante Herausforderung. Aber ich bin kein Grübler, ich geh lieber voller Freude auf die Bühne und will mein Bestes geben.“

Weil es ihm nicht gut genug erschien, so munkelt man, wurde die Veröffentlichung von „Love + War“ verschoben. „Ich bin sehr froh, dass es nun die Leute endlich hören können“, sagte Kwabs. „Ich Studio will ich alles richtig machen. Ich weiß nicht, ob mich das zum Perfektionisten macht, aber möglich. Ich will jedenfalls die beste Arbeit abliefern. Darum brauche ich für manche Dinge sehr lange“, schmunzelte er.

Dabei ging es ihm gar nicht so sehr um technische Perfektion: „Die Musik handelt von Gefühlen, schon deshalb wird die Emotion immer über der Technik stehen. Ich möchte mein Potenzial ausschöpfen, mich emotional voll reinlegen. Das nimmt die meiste Zeit ein Anspruch: abzuwarten, bis ich richtig im Song drin bin.“ Seine Inspiration sucht Kwabs bei den Soul-Größen, sie kopieren möchte er aber nicht: „Das wäre langweilig, Vintage-Soul zu singen. Das haben schon andere gemacht. Es gibt in meinen Songs natürlich Referenzen an die Musik von gestern, aber zugleich hört man, dass ich im heute lebe.“

Vor dem Österreich-Debüt von Kwabs war bei Frittenbude vor der Green Stage ein Kommen und Gehen. Allerdings kamen mehr als gingen und so spielte die Elektropunk-Band aus Deutschland doch noch vor einer adäquaten Ansammlung an Menschen. „Ich zähle bis drei und dann macht jeder Lärm für sein eigenes Leben“: Während die ersten Reihen die Wahl-Berliner hochleben ließen, wurde es nach hinten immer ruhiger. Auch ein Remix von „Killing In The Name Of“ (Rage Against The Machine) konnte daran nichts ändern und so blieben die im Gras sitzenden Zuhörer weiter bewegungslos - die eingefleischten Fans ganz vorne feierten dafür umso mehr. Songtechnisch bekam das Publikum einiges vom 2012 erschienen Album „Delfinarium“ zu hören sowie eine Kostprobe vom heute erschienenen „Küken des Orion“.

Ausgelassene Stimmung herrschte vor der Space Stage bei Wombats und Simple Plan, nachdem das Folk-Duo Dawa aus Wien aufhorchen hat lassen. The Wombats brachten hymnenhaften, aber auch aalglatten Britpop, Simple Plan ebenso hymnenhaften und kantenlosen Poprock. Dass die Kanadier durchwegs auch auf altes Songmaterial setzen, kam beim wohl auch langsam in die Jahre kommenden Frequency-Publikum gut an.

Ohne Equipment, aber mit starken Songs waren The Last Internationale auf der Weekender Stage angekommen. „Wir spielen auf geborgten Instrumenten“, schmunzelte Gitarrist Edgey Pires, der zusammen mit Sängerin und Gitarristin Delila Paz das Herz der US-Formation bildet, vor dem Auftritt im Interview mit der APA.

Blues, Rock, Folk und zuletzt auch Soul geben bei der Band den Ton an. Politisch hat das Duo, das sich bei Plattenaufnahmen und auf der Bühne mit Bass und Drums verstärkt, auch einiges zu sagen. Darauf lässt schon die Tatsache schließen, dass man auf dem Label von Tom Morello (Rage Against The Machine) gelandet ist. Tourneen mit The Who und Robert Plant sowie das Album „We Will Reign“ (Sony) machten The Last Internationale zu einem heißen Tipp.

The Last Internationale spielen Bluesrock der alten Schule, klingen aber alles andere als alt. „Man weiß heute gar nicht mehr, was Rock ist. Das ist zum Kaugummibegriff geworden“, meinte Paz. „Natürlich sind wir eine Rock‘n‘Roll-Band, aber wir haben auch ganz andere Einflüsse. Zuletzt haben wir zum Beispiel viel politische Soul-Musik aus den 70ern gehört. Ich bin da voll eingetaucht. Das sind sehr radikale Songs.“

Für „We Will Reign“ konnt man Brendan O‘Brien (Pearl Jam, AC/DC) als Produzenten gewinnen. „Er stand ganz oben auf unserer Wunschliste“, betonte Delila Paz. „Wir haben recht schnell mit ihm aufgenommen. Nur Brendan, wir zwei und Brad Wilk von Rage Against The Machine am Schlagzeug. Genial war das.“

The Last Internationale solidarisieren sich mit der Arbeiterschicht, engagieren sich in sozialen Bewegungen. Dass immer weniger Bands zu aktuellen Problemen Stellung Beziehung, findet Pires traurig: „Die Art, wie heute Musik gemacht wird, ist ganz anders als in den 60ern. Es gibt auch tolle Musik heute, aber die Kultur ist eine andere. Die Bluesmusiker haben damals am Tag Baumwolle gepflückt und am Abend Blues gespielt. In den 60ern und 70ern hatte die Musiker noch immer ein soziales Bewusstsein, sie waren eng mit sozialen Bewegungen verbunden. Darum war die Musik besser.“

Und heute? „Ist eine Wand dazwischen“, antwortete Pires. „Viele Musiker haben keine Ahnung, was in der Welt vor sich geht. Sie nehmen Musik in einer Blase auf. Es gibt so viele grausliche Dinge auf der Welt: Kriege, Krankheiten, die längst ausgerottet sein könnten, Hunger, Elend - aber die Musik ist davon mehr losgelöst als je zuvor.“ (APA)