Gefälschte Bilder über die Vergeblichkeit der Kunst
Wolfgang Becker verliert in seiner Adaption von Daniel Kehlmanns Roman „Ich und Kaminski“ die Leichtigkeit der Vorlage.
Von Peter Angerer
Innsbruck –„Good Bye, Lenin!“ war 2003 eine Komödie über das Ende der DDR, mit dem eine aus dem Koma erwachte Frau nicht überfordert werden sollte, weshalb der liebende Sohn mit Gurkengläsern und anderen Symbolen der Mangelwirtschaft die große Lüge des Weiterbestehens des Arbeiter- und Bauernstaates inszeniert. Gemessen am Erfolg war „Good Bye, Lenin!“ das „Fack ju Göhte“ der Nullerjahre. Aus Daniel Brühl wurde ein internationaler Filmstar, nur für den Regisseur Wolfgang Becker bewegte sich nichts. Nach einer zehnjährigen Pause drehte er 2013 „Ich und Kaminski“ (nach dem Roman von Daniel Kehlmann), die Frist bis zur Veröffentlichung verrät eine große Verzweiflung.
Der Prolog verspricht noch das große Kinoglück. Mit gefälschten Archivaufnahmen erzählt die Collage den Aufstieg von Manuel Kaminski (Jesper Christensen), der bei Matisse gelernt hat, mit Picasso befreundet war und in New York unter den Pop-Art-Stars Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Claes Oldenburg mit einem Gemäldetitel zur Legende wurde. Das Bild „Painted by a Blind Man“ gibt für den Malerfürsten und „Seher“ die Lebensrichtung vor.
Jahrzehnte später nimmt der Journalist Sebastian Zöllner (Daniel Brühl) die Spur des blinden Meisters auf, denn wer die große, endgültige Biografie eines berühmten Künstlers schreibt, verfügt mit etwas Glück nach dem Ableben des Malers auch über die Deutungshoheit zum Werk. Der künftige und auf fette Prozente hoffende Sachverständige wähnt sich außerdem im Besitz eines Geheimnisses, dessen Offenbarung die Kunstwelt erschüttern könnte: Kaminski, der sich in ein Schweizer Chalet zurückgezogen hat, soll seine Blindheit nur vorgetäuscht haben. Von Frau Vögerlis Gästehaus aus stapft Zöllner in der Maske des Verehrers über Bergwiesen, in Kuhfladen und Fettnäpfchen; bei einer Abendgesellschaft in Kaminskis Alterssitz reitet er eine Minute lang auf Frau Vögerlis Namen herum, was die US-amerikanischen und französischen Koproduzenten endgültig in die Flucht geschlagen haben könnte. Sicher geht es in dieser Szene auch darum, den Dilettanten, der zudem mit einer privaten Krise zu kämpfen hat, als Dumpfgummi zu etablieren, doch der verklemmte Provinzialismus der Figur windet sich wie ein Bandwurm durch den Film. Auf ähnliche Weise verschenkt Wolfgang Becker auch das zweite Geheimnis in Kaminskis Biografie. Blindheit und Schaffenskrise des Malers begannen mit dem Tod seiner großen Liebe. Wie Dantes Beatrice, Petrarcas Laura gibt es auch Kaminskis Therese, doch diese von Mythen umrankte Liebesgeschichte war ein Witz, den ein Freund mit der Todesnachricht gnädig beendet hat, denn Therese hatte mehr von Donald Ducks Daisy. Das ist die höhnische Pointe in Daniel Kehlmanns Roman. Wolfgang Becker hat Geraldine Chaplin für die Rolle der Therese engagiert. Nach einer langen Reise in Auto und Zug finden Zöllner und Kaminski die alte Dame, die wie Norman Bates im Kostüm seiner toten Mutter in Alfred Hitchcocks „Psycho“ aussieht.