Klopfzeichen im Zwischenreich
Zwei Klangspuren-Konzerte aus dem sinnlichen Reich der Klangforschung.
Von Ursula Strohal
Innsbruck, Schwaz –Die musikalische Anbindung unserer Zeit an die vorklassische Epoche wird gern mit den Mitteln des Jazz versucht, man beruft sich meist oberflächlich auf Rhythmus und Improvisation. Kenntnisreicher und tiefgründiger arbeitet da Klaus Lang, der bis ca. 1600 zurückgeht, zu jener spannenden Epoche, da frühbarocke Empfindungen und Erfindungen die Renaissance ablösten. Da entgegen strukturiertem Reglement ein neues Bewusstsein für Klang und Stimmungssysteme erwachte. Organist Lang durfte für Klangspuren erstaunlicherweise an die so streng bewachten Orgeln der Hofkirche und weitete dort den Horizont der Anhänger sowohl Alter als auch Neuer Musik.
Zunächst aber Theatralisches. Charlemagne Palestine, der prominente amerikanische Glockenspielzauberer, nahm das Carillon im Innsbrucker Dom zu St. Jakob in Besitz und tat, was er schon lange tut: die Wirkung insistierender Wiederholungen kleingliedriger rhythmischer Motive in gleichbleibender bis ähnlicher Lage zu intensivieren. (Der lange Satz ergibt sich, weil Palestine die Bezeichnung „Minimalismus“ ablehnt.) Da wird bekanntlich die kleinste Veränderung zum Ereignis, und zum Finale ließ der Meister dann doch das volle Register kurz aufrauschen.
Dann rollte eine Kutsche vom Dom zur Hofkirche, auf der Klaus Lang ein Regal, eine kleine frühe Tischorgel, spielte. Dahinter in Regen und Kälte die erstaunlich zahlreichen Zuhörer. Passanten blieben stehen, kamen aus Lokalen, rätselnd. Nur die Schleife, die die Kutsche vor dem Goldenen Dachl zog, verhinderte den Eindruck eines seltsamen Kondukts. In der Hofkirche hatte Lang für einen Klangstrom aus der Silbernen Kapelle gesorgt und weitete ihn auf der Ebertorgel zum faszinierenden Erlebnis, wo Zeiten keine Rolle mehr spielten und alte Meister in die neue Pracht der mitteltönig atmenden Instrumente eingebettet wurden, „umarmt“, wie Lang sagte.
Am Abend darauf in der Schwazer Kirche St. Martin das fulminante Österreichische Ensemble für Neue Musik in wechselnder Besetzung. Lang war vertreten mit „Hungrige Sterne“, einem subtilen, vibratolosen, wieder ungemein nuancierten Changieren, das ins Innere der Klänge führte. Zuvor Georg Friedrich Haas’ „Anachronism“ von 2013, ein tolles, auch mikrotonales Stück, das über einem lange gleichbleibenden Muster mit Dynamik und Verdichtung spielt. Der Spectralmusiker Tristan Murail brachte wildes Leben und neue Perspektive in den Kirchenraum, und schließlich, grandios, Salvatore Sciarrino. Seine „Introduzione all’Oscuro“ von 1981 ist ein existenzielles Nachtstück aus Flüchtigkeit und tausend Hörereignissen im Dunkel, mit Klopfzeichen aus dem Zwischenreich.