Gerüchte vor Gericht
Mit dem Drama „Zweifel“ startete das Innsbrucker Kellertheater in die neue Spielzeit.
Innsbruck –Im Original trägt John Patrick Shanleys Stück „Zweifel“ den Untertitel „eine Parabel“. Ohne Weiteres hätte Shanley seinen mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Text auch „eine Verhandlung“ nennen können. Denn obwohl der zentrale Vorfall nicht vor Gericht erörtert wird, folgt „Zweifel“ dem Regelwerk eines amerikanischen „Court-Room“-Dramas: Es gibt Anklage und Verteidigung, mehr oder weniger plausible Indizienketten, Zeugenaussagen, Plädoyers. Nur die letztgültige Entscheidung fehlt. Sie wird dem Publikum überlassen, das in die Rolle der Geschworenen versetzt wird.
Um Voreingenommenheit vorzubeugen, der Inhalt in gröbster Paraphrase: Die Klosterschulleiterin Schwester Aloysius (Elke Hartmann) ist überzeugt, Turn- und Religionslehrer Vater Valentin (Johann Nikolussi) habe sich an einem Schüler vergangen. Beobachtungen der Lehrkraft Schwester Johanna (Elena Knapp) könnten diesen Verdacht bestätigen. Wirkliche Beweiskraft haben diese Mutmaßungen allerdings nicht. Außerdem scheint die Vermutung, die Traditionalistin Aloysius nütze den Vorwurf, um den ungleich liberaleren Pfarrer loszuwerden, mindestens ebenso wahrscheinlich. Auch ein Gespräch mit der Mutter des möglichen Missbrauchsopfers (Nevena Lukic) trägt kaum zur Aufklärung bei. Kontrastiert wird diese an Gewissheiten arme Stimmung durch die bis ins letzte Detail durchreglementierte Hierarchie katholischer Institutionen, die keinem Akteur Gefühlsregung oder Handlungsfreiheit zugesteht.
Diesem Umstand trägt Fabian Kametz’ Inszenierung des Stückes im Innsbrucker Kellertheater Rechnung, indem er die Interaktion der Schauspieler reduziert: Jeder Satz, jede Geste erstarrt im salbungsvoll zweckentfremdeten Ritus. Kurzzeitige Ausbrüche aus dieser Starre, Knapps Hochschrecken nach einer unerwarteten Berührung zum Beispiel oder Nikolussis höllischer Zorn des in die Enge getriebenen Verdächtigten unterstreichen diese Atmosphäre der Repression und Beklemmung zusätzlich. Kein Wunder, dass der karge Raum, in dem zwei einander ausschließende Auffassungen des rechten Glaubens aufeinandertreffen, um sich mit frömmelnden Plattitüden zu bekämpfen, bisweilen zu zerbersten droht.
Eigentümlicher indessen die etwas seltsame Kostümierung der Frauen und Männer Gottes: Schon klar, in den Kutten stecken Menschen, verletzlich und verletzend zugleich. Aber sie deshalb in halbtransparente Roben zu Hüllen, ist dann doch ein bisschen viel Holzhammermetaphorik für diese ansonsten in ihrer Subtilität kluge Auseinandersetzung mit den Themen Macht und Missbrauch. (jole)