Kino

Im Labyrinth der Gefühle

© disney

In der neuen Pixar-Produktion „Alles steht Kopf“ gelingt Pete Docter mit einer Expedition durch das Gehirn eines Kindes ein Meisterwerk des Animationskinos.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Im Realfilm werden die aufwändigen Träume des Kinos längst durch Computeranimationen hergestellt. Wenn sich ein hungriger Mensch und ein wildes Tier im Kampf um Nahrung wie in „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ belauern, weiß man, dass der Darsteller des Menschen vor grünen Wänden sitzt und alles andere in einem Computer generiert wurde. Die ersten Bilder von „Alles steht Kopf“, dem neuen Film aus den Pixar Animation Studios, liefern einen Schock. Es sind die bewegten Bilder eines Babys, das wie in einem Realfilm lacht und strampelt, aber im Gegenschuss wird schnell Entwarnung gegeben. Bei Animationsfilmen schlägt im Computer immer noch ein Kinderherz. Der Regisseur Pete Docter demonstriert nur, wozu die Technik in der Lage ist.

Mit Wohlgefallen beobachten die allegorischen Figuren für die gelbe Freude, die violette Angst, den grünen Ekel, die rote Wut und die blaue Traurigkeit die Fortschritte der kleinen Riley, die mit ihren Eltern in Minnesota lebt. Von ihrer Kommandozentrale aus steuern sie jede Regung und Bewegung des Mädchens, da schon kleine Stimmungsschwankungen so manches Malheur verhindern können. Jeder Moment des Lebens ist in einer gläsernen Kugel gespeichert, aber sobald die – in der deutschen Synchronfassung Kummer genannte – Traurigkeit eine dieser Kugeln berührt, verfärbt diese sich blau und sofort verfällt das Kindergesicht und die Tränen beginnen zu fließen. Mit ihrem infantilen Wesen hat sich Traurigkeit angewöhnt, durch das endlose Labyrinth der archivierten Erinnerungen zu schlendern und mit ihren Händen jede Kugel zu verändern. Plötzlich verwandelt sich ein glückliches Kinderleben in eine Abfolge deprimierender Ereignisse, die nur durch die Übersiedlung der Familie nach San Francisco übertroffen werden. Mit Riley kommt das einsamste und traurigste Mädchen in die Stadt.

Gegen diesen emotionalen Verfall möchte Freude fünf positive Erinnerungen in das System einspielen, doch beim Versuch, die Kugeln vor Traurigkeit zu schützen, passiert die Katastrophe. Die immer gut gelaunte Freude stürzt mit der hilflosen Traurigkeit aus dem Kommandoturm des Gehirns, der ungewisse Weg zurück wird zu einer Expedition, wie sie zuletzt Leonardo DiCaprio absolvieren musste, um von einem Traum in den nächsten zu gelangen. An Komplexität steht Pete Docters „Alles steht Kopf“ in nichts Christopher Nolans „Inception“ nach, auch wenn dem Weltbild des Animationsfilms mit seinen putzigen Gefühlsdarstellern und seiner Sehnsucht nach Familien­idylle anzumerken ist, dass er letztlich aus dem Hause Disney kommt.

Dafür entschädigen virtuose Sequenzen, die auf einleuchtende Weise die Kybernetik des Gehirns illustrieren. Unter dem Langzeitgedächtnis befindet sich die dunkle Wüste des Vergessens, in der Arbeiter vergilbte Erinnerungen entsorgen. Dahinter leuchtet das verführerische Fantasieland. In der Abteilung für abstraktes Denken verwandeln sich Freude und Traurigkeit in kubistische Figuren. In den hauseigenen Filmstudios stören die beiden beim Versuch, Riley eine Botschaft zu übermitteln, die aktuelle Traumproduktion. Die Persiflage gehört längst zum Standard jedes Trickfilms, aber hier reflektieren die Pixar-Leute das eigene Schaffen.

Zum Finale wird in die Hirnzentrale ein überdimensionales Mischpult geliefert. Auf das Team kommen mit der Pubertät neue, erschreckende Aufgaben zu. Nachdem „Inside Out“ (Originaltitel) schon im Sommer weltweit zu einem Blockbuster wurde, kann man sich auf eine schrille Fortsetzung freuen. Kinogeher, die den Abspann überspringen, versäumen mit den Stimmungskanonen in den Gehirnen von Hund und Katze das Beste.

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