Indien auf den Spuren Chinas - Bei Wachstum vorne

Bangalore (APA/Reuters) - Das Milliarden-Land Indien vergleicht sich gerne - und neidvoll - mit dem Milliarden-Reich China, in dessen Schatt...

Bangalore (APA/Reuters) - Das Milliarden-Land Indien vergleicht sich gerne - und neidvoll - mit dem Milliarden-Reich China, in dessen Schatten es seit Jahrzehnten steht. Nun will Ministerpräsident Narendra Modi die Aufholjagd beginnen. Wohl auch deshalb wirkt der Besuch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel wie eine Kopie früherer China-Reisen.

Wie auch Chinas Ministerpräsidenten begleitete Modi die Kanzlerin am Dienstag beim Besuch einer deutschen Firma in der Provinz. Mit Genugtuung wird der Ministerpräsident vermerkt haben, dass Merkel nicht mehr nur um chinesische Investitionen in Deutschland wirbt, sondern nun ausdrücklich auch um indische.

Allerdings ist die Lage des indischen Subkontinents gespalten. Auf der einen Seite ist Indien der größte Partner der deutschen Entwicklungshilfe und erhält gerade wieder Unterstützung für die Ganges-Reinigung und den Ausbau erneuerbarer Energien in Milliardenhöhe. Auf der anderen Seite ist das Land aus Sicht vieler der mehr als 1.600 deutschen Unternehmen, die in Indien präsent sind, tatsächlich auf dem Sprung. Die offiziellen Wachstumszahlen liegen mit 7,5 Prozent in diesem Jahr erstmals seit Jahrzehnten über dem Wert Chinas. Auch dass sich Merkel am Dienstag in Bangalore bei der Robert Bosch GmbH ausgerechnet der Hightech-Herausforderung „Industrie 4.0“, also der Verschmelzung von IT-Technik und Industrieproduktion, widmete, zeigt die Leistungsfähigkeit der indischen Software-Firmen.

Und Modi gab sich alle Mühe, den Eindruck des zum Sprung ansetzenden indischen Löwen zu bestärken: Zum einen räumte der Regierungschef, der sein Land gerne als „Löwen“ bezeichnet, deutschen Firmen einen „fast-track-approach“ ein. Darin enthalten ist die Zusage, mit möglichst nur einem Ansprechpartner alle bürokratischen Hürden beseitigen zu können. Zum anderen lud er deutsche Firmen ausdrücklich zu Investitionen und Ausschreibungs-Beteiligungen an den riesigen Infrastrukturprojekten ein, die sich die Regierung auf die Fahnen geschrieben hat.

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Die neue Stimmung drückt sich langsam auch in den Zahlen aus: Nach einem jahrelang stagnierenden bilateralen Handel legten die Exporte und Importe im ersten Halbjahr zu - bei den deutschen Ausfuhren nach Indien sogar um mehr als 18 Prozent. „Zwei von drei der 30 größten deutschen Arbeitgeber vor Ort wollen allein in den nächsten drei Jahren rund 1,4 Milliarden Euro investieren“, sagt DIHK Außenwirtschaftsexperte Volker Treier.

Dennoch ist die Freude bei der deutschen Wirtschaft nicht ungetrübt. Auch Merkel sprach Probleme wie den Schutz geistigen Eigentums oder die Bevorzugung indischer Firmen bei Ausschreibungen an. „Ich höre von der deutschen Wirtschaft, dass die Verlässlichkeit noch besser werden muss“, sagt sie zudem.

In einem Wirtschaftsdialog in Neu Delhi wurden deutsche Spitzenmanager noch deutlicher: Airbus-Chef Tom Enders und der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Hubert Lienhard, legten die Finger in die Wunde: Es hake an einem langsam arbeitenden Zoll, es mangle an verlässlichen Zusagen der Behörden, die Zulassungsverfahren seien undurchsichtig. „Außerdem: Was nutzt einem Investor die Zusage der Bundesebene, wenn neue bürokratische Hürden von den Bundesstaaten aufgebaut werden“, fragt ein Manager, der wegen der angestrebten guten deutsch-indischen Stimmung namentlich nicht genannt werden will. Die Antwort der Inder und auch Modis am Dienstag lautet wie immer in den vergangenen Jahren bei solcher Kritik - in zwei, drei Monaten seien alle Probleme gelöst.

Voith-Chef Lienhard ist deshalb optimistisch - aber vorsichtig. Berichte vom Boomland Indien wiederholen sich schließlich alle paar Jahre. „Die Erwartungshaltung, die es zumindest nach der Wahl Modis für Indien gab, sehen wir jedenfalls nicht bestätigt“, hatte Lienhard schon vor dem Besuch zu große Euphorie gebremst. Denn bei Investitionshemmnissen wie unklaren Landrechten, unübersichtlichen Steuerregeln und einer strikten Arbeitsmarktgesetzgebung könne Modi schon wegen der fehlenden Mehrheit im Oberhaus und der Blockadepolitik der Opposition nichts tun. Und der Ministerpräsident, der früher jedem Inder bis 2019 ein Dach über dem Kopf versprochen hatte, neigt ohnehin zu großen Ankündigungen.

Aber sowohl Merkel als auch die Wirtschaftsvertreter sind am Dienstag zufrieden, gerade weil sich Modi doch einiges von den Chinesen abgeschaut hat - etwa wie man Vertrauen aufbaut. Die Regierung habe sich nicht nur erstmals ehrgeizige Klimaschutz-Ziele gesetzt und internationale Verantwortung gezeigt. Dass sich Modi so viel Zeit für direkte Kontakte mit der deutschen Wirtschaft nehme, sei ebenfalls sehr wichtig, meint die Kanzlerin. „Das bringt die deutsche Wirtschaft dazu, mehr Vertrauen in Indien zu fassen als bisher da war.“ Das ist auch nötig: Denn Deutschland soll auf jeden Fall dabei sein, wenn der Löwe tatsächlich springt.


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