Arpad Göncz - Ungarns erster Präsident nach Wende gestorben

Budapest (APA/Reuters) - Der frühere ungarische Präsident und Schriftsteller Arpad Göncz ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Das teilte se...

Budapest (APA/Reuters) - Der frühere ungarische Präsident und Schriftsteller Arpad Göncz ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Das teilte seine Familie der ungarischen Nachrichtenagentur MTI am Dienstag mit. Auf Vorschlag des ersten nach-kommunistischen Regierungschefs Jozsef Antall war Göncz im August 1990 zum Staatspräsidenten gewählt und übte dieses Amt bis August 2000 aus.

Der Lebenslauf von Göncz spiegelt die ereignisreiche Geschichte Ungarns im 20. Jahrhundert wieder. 1922 in Budapest geboren, schloss er 1944 sein Studium der Rechtswissenschaften in Budapest ab; im selben Jahr - in dem die Pfeilkreuzler, die ungarischen Nazis, Reichsverweser Miklos Horthy absetzten und mit deutscher Hilfe die Macht ergriffen - wurde er zum Kriegsdienst einberufen, desertierte aber kurz vor Kriegsende aus seiner Einheit.

1945 trat Göncz der Kleinlandwirte-Partei bei, wo er zum Vorsitzenden der Jugendorganisation avancierte. Nach dem Verbot der Partei im Zug der kommunistischen Machtergreifung ab 1947 arbeitete Göncz als Hilfsarbeiter, Schweißer und Rohrschlosser. Ab 1952 studierte er vier Jahre an der Universität für Agrarwissenschaften in Gödöllö.

Während des Volksaufstands 1956 war Göncz im Ungarischen Bauernbund tätig. 1957 schmuggelte er das Manuskript des Buches „In Verteidigung des ungarischen Volkes“ des damals im Gefängnis sitzenden Ministerpräsidenten des Volksaufstandes, Imre Nagy, ins Ausland. Er wurde deswegen verhaftet und am 2. August 1958 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. 1963 wurden viele politische Häftlinge vom KP-Vorsitzenden Janos Kadar amnestiert, so kam auch Göncz frei.

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Göncz hatte in der Haft Englisch gelernt und arbeitete nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis als Übersetzer am Forschungsinstitut für Schwerindustrie und Chemie in Veszprem. Er kehrte an die Universität Gödöllö zurück, wurde aber vom Studium ausgeschlossen. Ab 1965 arbeitete er als freier Schriftsteller und Übersetzer; als sein bekanntestes übersetzerisches Werk gilt die Übertragung des Fantasyromans „Der Herr der Ringe“ des englischen Schriftstellers J. R. R. Tolkien ins Ungarische.

Im Mai 1988 war er an der Gründung des „Netzes Freier Initiativen“, später an jenem des liberalen „Bundes Freier Demokraten“ (SZDSZ) beteiligt. Ab 1988 war Göncz Sprecher des SZDSZ. Vom Mai bis August 1990 amtierte Göncz als Parlamentspräsident und provisorischer Staatspräsident. Auf Vorschlag des ersten nach-kommunistischen Regierungschefs Jozsef Antall wurde er im August 1990 zum Staatspräsidenten gewählt und übte dieses Amt bis August 2000 aus.


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