Maly Trostenez als Ort der Erinnerung

Minsk/Wien (APA) - Österreich und Weißrussland haben historische Verbindungen: Im Holocaust hatten die Nazis mehr als 9.000 österreichische ...

Minsk/Wien (APA) - Österreich und Weißrussland haben historische Verbindungen: Im Holocaust hatten die Nazis mehr als 9.000 österreichische Juden an den Stadtrand von Minsk deportiert und hier in einem benachbarten Wald ermordet. Jahrzehntelang erinnerte nichts an dieses Verbrechen von 1942. Im Sommer eröffnete Weißrussland nun eine Gedenkstätte. Bundespräsident Heinz Fischer bedankte sich dieser Tage.

„Die Großmutter meiner Gattin, die Schwester meines Schwiegervaters und andere Familienangehörige wurden dort getötet und wir sind sehr interessiert daran, dass es diesen Erinnerungsort gibt“, erklärte Fischer in Bezug auf Maly Trostenez gegenüber seinem weißrussischen Amtskollegen Alexander Lukaschenko. Die Präsidenten waren einander vergangene Woche kurz am Rande der UNO-Generalversammlung in New York begegnet.

Die Pressestelle des weißrussischen Präsidenten veröffentlichte das Video der Begegnung. Staatliche Medien in Weißrussland verwiesen wiederholt auf den Gedenkkomplex als Ort des internationalen Dialogs, an dem sich das weißrussische Regime derzeit sehr interessiert zeigt.

Bei Maly Trostenez handelt es sich um eine dieser typischen Geschichten des Holocaust auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion. Bereits 1941 und 1942 hatten die Nazis mit Vorliebe an den Rändern großer sowjetischer Städte Hunderttausende Juden getötet.

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Nach der Befreiung durch die Rote Armee hüllten die kommunistischen Machthaber jedoch den Mantel des Schweigens über diese konkreten Verbrechen - über eine besondere Betroffenheit des jüdischen Volkes durch den NS-Terror sollte nicht eigens gesprochen werden, es galt die Leiden der sowjetischen Bevölkerung insgesamt zu unterstreichen.

Vielfach machten daher Anrainer und Zeitzeugen erst während Gorbatschows Glasnost in den späten 1980er-Jahren auf konkrete Stätten des NS-Gräuels in der Sowjetunion aufmerksam, an manchen Orten entstanden in den Jahren danach auch Gedenkstätten.

Nicht so zunächst in Maly Trostenez, einem Vorort im Südosten der weißrussischen Hauptstadt, in dessen Nähe jahrzehntelang nur ein sowjetischer Obelisk an die Exekution von 201.500 Zivilisten, Partisanen und Kriegsgefangener der Roten Armee erinnerte. Keine Rede war jedoch von jüdischen Opfern, auch nicht von 9.000 laut Angaben des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW) an diesen Ort deportierten österreichischen Juden.

Als Privatinitiative begann die Wienerin Waltraud Barton diese Leerstelle ab 2010 zu füllen. In Erinnerung an vor Ort ermordete Verwandte brachte sie an Bäumen im Wald nahe des ehemaligen NS-Lagers Namensschilder an, just hier war seinerzeit exekutiert worden. Barton gründete zudem den Verein „IM-MER“, der diese Gedenkarbeit in den folgenden Jahren intensivierte.

Lokale postsowjetische Versuche einen Gedenkort zu installieren, waren zuvor übrigens an einer heiklen Vorgeschichte gescheitert: Denn bevor die Nazis den betreffenden Wald für Massenexekutionen verwendeten, hatten auch die Sowjets an just diesem Ort gemordet. Nach der Befreiung Minsks sollte gerade dieser Umstand verschwiegen werden. Die grausame Stätte wurde offiziell zur Müllhalde umfunktioniert.

Seit 2014 ist nunmehr auf „Anweisung des Präsidenten der Republik Weißrussland, Alexander Lukaschenko“, wie es auf einer Tafel heißt, eine Gedenkstätte am ehemaligen Lagergelände entstanden, das nach 1945 landwirtschaftlich verwendet worden war. Im Juni 2015, anlässlich des 74. Jahrestages des Beginns des „Großen Vaterländischen Krieges“, eröffnete der weißrussische Präsident den Komplex. Im Zentrum des Areals befindet sich die imposante Skulptur „Tor der Erinnerung“, die leidende KZ-Insassen an einem Stacheldrahtzahn zeigt. Obwohl der verantwortliche Bildhauer Konstantin Kostjutschenko erst 35 Jahre alt ist, erinnert sein Werk an Darstellungen menschlichen Leids wie sie in der späten Sowjetunion üblich waren.

Mit Ausnahme von zwei deutschen Eisenbahnwaggons, die auf Deportation aus Mitteleuropa nach Maly Trostenez verweisen, bleibt aber auch der restliche Komplex in seiner bisherigen Realisierung sowjetischer Traditionen verhaftet. In der Hauptallee, die zur Skulptur führt, finden sich Granitsteine, auf denen alle NS-Vernichtungslager Weißrusslands aufgezählt werden. Vom Begriff „Holocaust“ und von expliziten Erwähnung der jüdischen Opfergruppe fehlt einstweilen noch jede Spur. Womöglich könnte sich dies jedoch bald ändern: Die Wiener Aktivistin Waltraud Barton, so erklärt sie gegenüber der APA, ist im Gespräch mit den weißrussischen Behörden, die an einer namentlichen Auflistung der jüdischen Opfer von Maly Trostenez und Umgebung am neuen Gedenkareal interessiert sind.

(Alternative Schreibweisen Aljaksandr Lukaschenka, Maly Traszjanez, Maly Trostinec)


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