Teheran und Moskau verstärken Rückendeckung für syrische Führung

Teheran/Moskau (APA) - Die seit März 2011 ohnehin angespannte Lage im krisengebeutelten Syrien könnte sich in den nächsten Tagen und Wochen ...

Teheran/Moskau (APA) - Die seit März 2011 ohnehin angespannte Lage im krisengebeutelten Syrien könnte sich in den nächsten Tagen und Wochen aufgrund der jüngsten verstärkten Rückendeckung Teherans und Moskaus für die syrische Führung weiter zuspitzen. Längst ist die Region zum Schauplatz internationaler Akteure geworden.

Dazu zählen die USA, Saudi-Arabien, der Iran, Russland und die anderen Golfstaaten sowie die Türkei, die jeweils ihre eigenen Interessen verfolgen. Geschehen weitere Pannen, wie etwa jene angeblich unabsichtliche Verletzung türkischen Luftraums durch russische Kampfflugzeuge, dann könnte das Pulverfass übergehen.

Schon stehen die russischen Gaslieferungen an die Türkei zur Debatte, und auch sonstige schwerwiegende Folgen der derzeitigen Entwicklungen sind möglich. So werden die arabischen Golfstaaten, allen voran Saudi-Arabien, wohl kaum zusehen, wenn sich Iraner und Russen immer mehr in Syrien einmischen und das Regime stützen.

Derzeit hat der umstrittene Langzeit-Machthaber Bashar al-Assad eine neue Großoffensive gegen die Rebellen gestartet und will in mehreren Landesteilen verlorene Gebiete zurückgewinnen. Seine treuesten Verbündeten, Irans Oberster Geistlicher Führer, Ayatollah Ali Khamenei, und Russlands Präsident Wladimir Putin, helfen ihm dabei. Beide Schutzmächte wollen - nicht ganz uneigennützig - unbedingt verhindern, dass Assads Regime fällt und somit ihr Einfluss in der Region geschmälert wird. Es gibt aber noch einen dritten Verbündeten: Nordkorea. Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs unterstützt Pjöngjang das Assad-Regime aktiv bei der Bekämpfung der Rebellen.

Assad weiß, wie sehr er vor allem von Teheran abhängt. Ohne ihre direkte und indirekte Hilfe durch die schiitische Hisbollah-Miliz wäre er wohl schon längst Geschichte. Wie bereits vor zwölf Monaten ergingen auch heuer wieder nach Angaben aus Geheimdienstkreisen pünktlich zu Jahresbeginn und dann auch wieder im Sommer neue Milliardenkredite und sonstige Hilfsleistungen wie technisches Know-how (Abhörgeräte, Telefonkoppelungssysteme usw.) von Teheran nach Damaskus und an die Hisbollah. Personelle Ressourcen aus der Islamischen Republik und „neue technische Hilfsmittel zur Bekämpfung der Feinde“ standen ebenfalls auf der Lieferungsliste.

Der schiitisch dominierte Iran hat größtes Interesse daran, Assad an der Macht zu sehen, da Syrien sein einziger Verbündeter in der arabischen Welt ist. Der Assad-Clan gehört zur schiitischen Untergruppe der Alawiten, während rund 70 Prozent der Syrer Sunniten sind. Die Rebellen - in zahlreiche Gruppen zersplittert - werden von den sunnitisch regierten Golfstaaten unterstützt. Groteskerweise beschuldigen sich die Bürgerkriegsparteien gegenseitig, im Interesse Israels - „der Zionisten“ - zu agieren.

Syrien ist auch der einzige Staat, mit dem die iranischen Streitkräfte und die Revolutionsgarden jährlich gemeinsame Stabstreffen abhalten. Hinzu kommen gemeinsame Truppenübungen, ein bilaterales Aufrüsten, das Modernisieren der Armee und Schützenhilfe im „Kampf gegen innere und äußere Feinde“. Teheran, selbst noch wegen des mittlerweile gelösten Atomstreits mitten im Sanktionsregime des Westens gefangen, weiß, dass die syrische Armee nach vier Jahren Gefechten allein zu ausgelaugt und schwach ist, um entscheidend an Boden gewinnen zu können.

Und Moskaus Absichten? Seit die Russen vor mehr als einer Woche die Luftangriffe in Syrien begonnen haben, kristallisieren sich auch immer klarer die Ziele dieser Militärintervention heraus. Zwar gibt der Kreml an, die Bombardierungen sollten die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) bekämpfen, doch zweifeln Experten an dieser Absicht. Tatsächlich, so der Tenor, will Putin in Syrien gegen andere Gegner vorzugehen, um Assads Macht zu festigen.

So flogen die russischen Jets bisher westlichen Angaben zufolge die meisten Luftangriffe auf Gebiete unter Kontrolle von Rebellen, die sowohl Assads Anhänger als auch den IS bekämpfen. Auch die iranische Bodenoffensive richtet sich gegen solche Kräfte. Hauptschwerpunkt der derzeitigen Operation ist das Gebiet nördlich von Hama. Kerngebiet der Rebellen ist ein Streifen, der sich in der nördlichen Landeshälfte von West nach Ost erstreckt. Die wüstenreichen südlichen und südöstlichen Gebiete gelten strategisch als unbedeutsam.

Diese Rebellenhochburgen werden von einem Bündnis verschiedener Gruppen beherrscht. Dazu zählen neben moderaten Einheiten wie Brigaden der Freien Syrischen Armee (FSA) auch die radikale Al-Nusra-Front, syrischer Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Vor dem Sommer hatte diese Gruppe, die sich „Jaish al-Fatah“ nennt, Assad eine schwere Niederlage beschert und fast die gesamte Schlüsselprovinz Idlib erobert.

Seitdem bedrohen die Rebellen den Streifen um die Küstenstadt Latakia, eine wichtige Assad-Hochburg, nicht nur, weil die Herrscherfamilie von hier kommt. Die Stadt gilt als Barometer dafür, wie fest das Regime im Sattel sitzt. Fällt sie, dann ist Experten zufolge auch das Regime nicht mehr lange zu halten. Ob Assads große Pläne mit russischer und iranischer Hilfe aufgehen, bleibt abzuwarten. Erstens sind die Rebellen sehr erfahren und selbst Syrer. Außerdem beherrschen sie die konventionelle Kriegsführung genauso wie Guerilla-Taktiken.

Im Iran selbst ist man über die brüderliche Hilfe für Assad mäßig begeistert. Die iranische Bevölkerung, die unter den schmerzlichen Wirtschaftssanktionen im Zusammenhang mit dem Atomstreit leidet, zeigt nur begrenzt Verständnis. Doch die Führung bleibt ihrem Kurs treu. Durch den jüngsten Atomdeal mit dem Westen und dem moderaten Annäherungskurs, den der als gemäßigt geltende Präsident Hassan Rohani fährt, kann Teheran seinen regionalen Anspruch auf eine Vormachtstellung forcieren. Und: Der Iran ist international längst nicht mehr so isoliert wie noch vor einigen Monaten. Eines ist mittlerweile auch den Israelis, den Saudis und den US-Amerikanern klar: Eine Lösung in Syrien wird es ohne Miteinbeziehung Moskaus und Teherans nicht geben.

(Grafik 1158-15, Format 88 x 206 mm)


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