Medien zu Flüchtlingsberichten: SN, VN, „News“, „profil“

Wien (APA) - Die Berichterstattung über die Flüchtlingsthematik zählt für Österreich Medien zu den größten journalistischen Herausforderunge...

Wien (APA) - Die Berichterstattung über die Flüchtlingsthematik zählt für Österreich Medien zu den größten journalistischen Herausforderungen seit Jahren. Das Thema polarisiert die Medienkonsumenten. Die APA hat Chefredakteure von ORF und Printmedien zu ihrer Linie in der Flüchtlingsberichterstattung befragt.

Die Fragen:

1. Was sind die größten Herausforderungen in der Flüchtlingsberichterstattung?

2. Im Zusammenhang mit der Berichterstattung gibt es auch viel Kritik. Veröffentlichte Meinung und öffentliche Meinung lägen beim Thema Flüchtlinge weit auseinander, Mainstream-Medien berichteten nicht objektiv, sondern überwiegend positiv über Flüchtlinge und sparten negative Folgen aus. Was sagen Sie zu dieser Kritik und gibt es bei Ihnen inhaltlichen Vorgaben bzw. Linien zur Vorgangsweise in der Flüchtlingsberichterstattung?

3. Gibt es vonseiten Ihrer Seher/Leser Rückmeldungen zur Flüchtlingsberichterstattung? Sind diese positiv/zustimmend oder negativ/kritisch? Gibt es Abo-Abbestellungen?

Die Antworten:

Manfred Perterer, „Salzburger Nachrichten“ (SN):

1. Die Flüchtlingsberichterstattung ist eine enorme Herausforderung für uns, auch deshalb, weil Salzburg eines der Drehkreuze in der aktuellen Flüchtlingsbewegung ist und die Stimmung in unserem Stammverbreitungsgebiet noch sensibler ist als vielleicht anderswo. Wir versuchen uns penibel an Fakten zu halten, sofern diese überhaupt bekannt und überprüfbar sind. Der Rechercheaufwand ist noch viel größer als sonst. Die Lage ändert sich stündlich.

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2. Es gelten die üblichen SN-Vorgaben für Qualitätsjournalismus: Meinung und Bericht trennen, Fakten überprüfen, audiatur et altera pars. Positive Seiten (große Hilfsbereitschaft) wie negative Seiten (wir hatten in der Zeit einen Mord in Salzburg mit einem 15-jährigen Asylbewerber als mutmaßlichen Täter) gleichermaßen darstellen. Grundsätzlich gilt die Blattlinie: Wir achten ganz besonders die Menschenrechte, das Asylrecht als in der Grundrechtecharte der EU verankert, zählen wir dazu.

3. Es gibt sehr viele zustimmende Leserreaktionen, aber auch kritische. Das Thema polarisiert extrem. Wir setzen auch Sachlichkeit und Aufklärung.

Gerold Riedmann, „Vorarlberger Nachrichten“ (VN):

1. Derzeit sind das logistische Themen. Wir haben vor vier Wochen die VN-Hilfsaktion „Vorarlberg hilft - #refugeeswelcome“ gestartet und vermitteln in Zusammenarbeit mit Hilfsaktionen und der Landesregierung Deutschkurse durch pensionierte Lehrer und andere Freiwillige und suchen Flüchtlingsquartiere. In einer umfangreichen Sonderberichterstattung haben wir Aussagen von Prominenten, aber auch ganz normalen Menschen ins Blatt genommen und so die Meinungsbildung nicht nur den Beschimpfungen und Verunglimpfungen auf Facebook überlassen.

2. Hier ist Hausverstand gefragt. Wir haben unsere eigene Flüchtlingshilfsaktion, aber wir berichten natürlich auch über die Kostenexplosion in der Grundsicherung. Jedoch sehe ich nicht ein, warum es ein Medium nötig haben sollte, täglich auf zig Seiten Angst vor dem Fremden zu schüren. Ich stelle seit einiger Zeit fest, dass sich ein Teil durch sehr selektive Auswahl von Nachrichtenquellen in Zusammenwirkung mit Facebook seine eigene Wirklichkeit - teils auch in Form einer Echokammer - schafft. Das Sichtfeld wird durch die Scheuklappen des Newsfeed-Algorithmus immer enger. Und der Wohlfühlfaktor ist höher, wenn alle, die ich kenne, derselben Meinung sind. Wir haben eine Email-Adresse eingerichtet, unter der wir konkrete Fragen und Vorurteile zur Flüchtlingskrise entgegennehmen und dann im Blatt beantworten. Darauf haben wir viele, überwiegend positive Reaktionen erhalten.

3. Wir haben einige hundert konkrete Hilfsangebote im Rahmen unserer Hilfsaktion erhalten. Und in den Leserbriefspalten sehen wir immer wieder Meinungen aufeinanderprallen. Abo-Abbestellungen haben wir keine verzeichnet. Und, das zeigt uns die Erfahrung: Leser, die aufgrund eines Einzelereignisses wutentbrannt das Abo kündigen, kommen zu einem hohen Anteil zurück. Insofern glauben wir durchaus, dass wir es gut aushalten, wenn wir als Landeszeitung für Menschlichkeit eintreten. Dafür lass‘ ich mich gern prügeln.

Eva Weissenberger, „News“:

1. Die größte Herausforderung ist die Komplexität des Themas. Wie wird man dieser gerecht, wenn man in jedem Artikel, jeder Ausgabe doch nur einen kleinen Ausschnitt beleuchten kann? Wobei wir es im Magazinjournalismus ohnehin noch leichter haben, da man große Strecken diesem einen Thema widmen kann.

2. Für das Thema Flucht gelten dieselben journalistischen Regeln wie für jedes andere Thema: Wir versuchen, möglichst das ganze Bild zu beleuchten, gehen unvoreingenommen an die Recherche heran und geschrieben wird, was bei dieser heraus gekommen ist.

3. Wir bekommen einige wenige Rückmeldungen, die unsere Berichterstattung als schönfärberisch oder zu negativ kritisieren. Wesentlich mehr Leserinnen und Leser wollen in der Sache diskutieren. Und manche Leser wünschen sich schlicht weniger zum Thema Flucht, da sie es - ein Zitat - „nicht mehr aushalten“. Besonders gefreut hat uns, dass sich eine ganze Schulklasse mit einer Kolumne von Harald Katzmair zum Thema Flucht befasst hatte. Einschlägige Abo-Abbestellungen gab es keine.

Christian Rainer, „profil“:

1. Es ist die größte Herausforderung in diesen Jahren, vielleicht die größte seit der angemessenen Einordnung von 9/11 in die globalen Ströme. Die besondere Aufgabe liegt jenseits der Darstellung und Analyse des Flüchtlingsdramas, sie liegt im Zusammenfallen dieses Dramas und der so entscheidenden Wahl in Wien. Unsere Berichterstattung beeinflusst nicht nur den kurzfristigen Umgang der Österreicher mit den Flüchtlingen, sondern daraus resultierend nachhaltig die politische Ordnung in der Hauptstadt und damit in der Republik.

2. Dem halte ich entgegen, dass die „profil“-Redaktion genau diesen Zwiespalt intern seit Monaten thematisiert und wir unsere journalistische Arbeit entsprechend kalibrieren. Ich werfe diese Schönfärberei eher Wissenschaftern vor, die behaupten, der österreichische Arbeitsmarkt könne die Flüchtlinge problemlos aufsaugen, was hanebüchen ist und daher zur Unglaubwürdigkeit aller - auch sinnvoller - Argumente führt. Und ich werfe die Schönfärberei Politikern vor, weil sie die faktische und die emotionale Bedeutung dieser Ereignisse nicht wahr haben wollten.

3. Die Rückmeldungen sind mannigfaltig. Sie beziehen sich aber selten in kritischer Form auf unsere Berichterstattung, eher in Form von Meinungen und Gegenmeinungen. Die Kritik entzündet sich vielmehr an der Politik und hier in auffälliger Masse - vielfach von sehr vernünftig wirkenden Menschen - an der paralysierten und negierenden Regierung im Bund und in den Ländern. Abo-Abbestellungen erleben wir keine - zwei angedrohte wegen des toten Flüchtlingskinds am Cover. Vielmehr verkaufen wir hohe Auflagen im Einzelhandel.


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