Ali und Nuzha mit ihren acht Kindern in Amman - Ein Überlebenskampf

Amman (APA) - Die Situation für syrische Flüchtlinge in den Nachbarländern des Bürgerkriegslands wird immer prekärer und immer hoffnungslose...

Amman (APA) - Die Situation für syrische Flüchtlinge in den Nachbarländern des Bürgerkriegslands wird immer prekärer und immer hoffnungsloser. Nationale und internationale Unterstützungsleistungen für Schutzsuchende werden immer weniger. Der größte Wunsch ist, den eigenen Kindern ein Leben mit Perspektiven zu ermöglichen, ein Leben in Stabilität - ohne Krieg, ohne Hunger und ohne Krankheit, aber mit guter Ausbildung.

Während die einen fieberhaft nach neuen Möglichkeiten suchen und mit dem Gedanken spielen, etwa nach Europa zu migrieren, halten die anderen an ihrer Hoffnung fest, dass der Syrien-Konflikt eines Tages ein Ende nimmt, und sie in ihre Heimat zurückkehren können. „Es ist mir gleich, wer das Land regiert. Auch das System ist mir gleich. Ich möchte nur zurückkehren, ich möchte einfach nur wieder Frieden in dem Land“, sagt Ali.

Gemeinsam mit seinen acht Kindern und seiner Ehefrau Nuzha musste der 55-Jährige vor zwei Jahren aus der syrischen Stadt Homs fliehen. „Wir wussten gar nicht mehr, wer uns eigentlich bombardiert. Es war nirgends mehr sicher, und unsere Kinder konnten die Situation nicht mehr ertragen. Sie drohten, verrückt zu werden“, schildert der Syrer. Sein jüngstes Kind ist heute zwei Jahre alt, sein ältestes 16.

Zwar gelang der Familie die beschwerliche und gefährliche Flucht nach Jordanien, das Leben sei dort aber äußerst schlecht, sagt Ali und schaut sich in seinem Heim um. Die Zwei-Zimmer-Wohnung liegt in einem armen Stadtviertel der Hauptstadt Amman. Sie ist schäbig. Der Putz fällt von der Decke, die Fenstergläser sind zerbrochen oder fehlen zur Gänze und der Winter naht.

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In der kältesten Jahreszeit liegt die Durchschnittstemperatur in Amman bei Null Grad Celsius, auch mit Minusgraden muss gerechnet werden. Angesichts der Wohnsituation Alis, die stellvertretend für die Mehrheit der syrischen Flüchtlinge in jordanischen Städten steht, ist das eine schwere Notsituation.

Die Abhängigkeit der Flüchtlinge von Hilfsorganisationen ist in dieser Hinsicht enorm. Bei CARE International in Jordanien gibt es eigens dafür finanzielle Unterstützung bis zu maximal 400 JOD (499,25 Euro) pro Jahr, wie Mitarbeiter der NGO bei einem Lokalaugenschein der APA erklären. Das Programm nennt sich „Winterization“ und dient für den Kauf von Decken, Heizungen und Heizmaterialien.

Innerhalb der vergangenen Monate wurde die Unterstützung für Flüchtlinge radikal gekürzt. Den Hilfsorganisationen in der gesamten Region fehlt es nach wie vor massiv an Geldern - und das, obwohl sie bereits vor drei Jahren begannen in dieser Causa an die Internationale Gemeinschaft zu appellieren. Auch die Regierungen der Nachbarländer Syriens, wie jene in Amman, stießen inzwischen an ihre Grenzen - auch sie bitten bereits seit langer Zeit auf internationaler Ebene um Unterstützung.

Am härtesten seien für die Flüchtlinge die Einsparungen bei der medizinischen und bei der Nahrungsmittelversorgung, wie lokale und internationale CARE-Mitarbeiter erklären. Wurden bis vor kurzem noch zahlreiche medizinische Kosten für Flüchtlinge vom jordanischen Königreich getragen, müssen die Schutzsuchenden demnach nun rund 60 Prozent der Kosten selbst übernehmen - das sei für viele nicht leistbar. Aus dem System der Essensgutscheine vom Welternährungsprogramm (WFP) in städtischen Gebieten wurden demnach rund 229.000 Personen ausgeschlossen, weitere rund 211.000 Menschen bekommen nun monatlich umgerechnet 12,48 Euro pro Person für Nahrungsmittel - bis vor kurzem lag der Betrag noch bei 31,20 Euro. Lediglich die Flüchtlinge in den Lagern sind von den Kürzungen nicht betroffen.

Ali und seine Familie spüren die finanziellen Kürzungen deutlich, vor allem bei der Nahrung. Monatlich werden sie zwar vom UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) mit 120 JOD (149,78 Euro) zur Bezahlung der Unterkunft unterstützt, für Nahrungsmittel erhält die zehnköpfige Familie insgesamt 100 JOD. Mit insgesamt 220 JOD (274,59 Euro) muss Alis Familie also ihr Überleben bestreiten: 140 JOD kostet die schäbige Wohnung, mit 80 JOD gilt es alle zehn Personen zu ernähren - eine große Herausforderung. Auf nationaler Ebene gilt ein Haushalt mit fünf Personen bei einem Einkommen von unter 700 JOD (873,69 Euro) pro Monat als verarmt. Auch hier ist Ali mit seiner Familie kein Einzelfall - bis zu 85 Prozent der syrischen Flüchtlingsfamilien leben laut CARE unter der nationalen Armutsgrenze. Bei jordanischen Familien trifft das auf mehr als zehn Prozent zu, hieß es.

Zudem musste sich Ali für seine Begriffe hoch verschulden und sich von mehreren Personen insgesamt 2.500 JOD für eine offene Herzoperation am eigenen Leib ausleihen. Wie er diesen Betrag unter den derzeitigen Umständen jemals zurückzahlen können wird, weiß er nicht. Dass die Mehrheit der syrischen Flüchtlinge bereits verschuldet ist, berichten auch die CARE-Mitarbeiter. Nach mehr als vier Jahren Syrien-Konflikt verfüge kaum noch jemand über Ersparnisse.

Insgesamt leben laut dem UNHCR derzeit rund 220.000 syrische Kinder im Schulalter in Jordanien. In vielen jordanischen Schulen wurde angesichts der Situation ein Schichtbetrieb eingeführt: Die Einen gehen vormittags in die Schule, die anderen nachmittags. Laut CARE-Mitarbeiterin Sawsan Sa‘ada geht aber ein Drittel der syrischen Kinder nicht in die Schule, denn meist müssen sie wegen der finanziellen Not ihrer Familien stattdessen arbeiten.

Angesichts der Situation in den Schulen ist laut CARE die Bildungsqualität innerhalb der vergangenen Jahre deutlich gesunken. Das bereitet jordanischen wie syrischen Eltern Kopfzerbrechen, sie bangen um die Zukunft ihrer Kinder. Auch deshalb denken viele der Flüchtlinge über Emigration in ein drittes Land, etwa ein europäisches, nach. Sie wollen ihren Kindern Zukunftsperspektiven ermöglichen.

An Emigration denkt der Familienvater Ali nicht, auch Bildung ist für ihn kein Thema: Alle seiner Kinder im schulfähigen Alter, insgesamt sechs an der Zahl, gehen auch tatsächlich in die Schule. Betrübt sind Ali und seine Ehefrau aber abgesehen von den schwierigen Lebensumständen in Jordanien über den Verlust ihrer Großfamilie. Die Sorge über die in Homs zurückgebliebenen, dort eingekesselten Verwandten ist groß. „Ich wünschte, der Krieg würde aufhören. Wir würden sofort zurückgehen“, sagt Ali. Nuzha pflichtet ihm bei: „Ich vermisse mein Haus, mein Land, meine Verwandten und meine Freunde.“ Auch mit diesen Gefühlen ist Ali nicht allein. Millionen von Syrern sind angesichts des blutigen Konflikts in ihrem Heimatland auf der Flucht und von einer Zersplitterung ihrer Familie betroffen. Angesichts der aktuellen Entwicklungen bleibt offen, ob die Mitglieder der in alle Winde zerstreuten syrischen Großfamilien einander in naher Zukunft in einem friedlichen Syrien wieder sehen können - derzeit sieht es nicht danach aus.


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