Blut und Tränen statt Friedensmarsch: Ankara erlebt „Massaker“

Ankara (APA/AFP) - Auf dem Platz vor dem Bahnhof der türkischen Hauptstadt Ankara bietet sich ein Bild des Grauens. Abgerissene Körperteile ...

Ankara (APA/AFP) - Auf dem Platz vor dem Bahnhof der türkischen Hauptstadt Ankara bietet sich ein Bild des Grauens. Abgerissene Körperteile liegen auf der Straße, Fahnen und Transparente bedecken die Leichen von Menschen, die beim schlimmsten Anschlag der türkischen Geschichte getötet worden sind. Mutmaßliche Selbstmordattentäter haben mit ihren Sprengsätzen mindestens 86 Menschen mit in den Tod gerissen.

Fast 190 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Der Schock über die Gewalttat schlägt bald in Wut um: Drei Wochen vor der Parlamentswahl am 1. November steht die Türkei vor neuen Spannungen.

Gewerkschaften, Berufsverbände und Oppositionsparteien - darunter die legale Kurdenpartei HDP - hatten zu der Kundgebung aufgerufen, die auf dem Bahnhofsvorplatz beginnen sollte. Mehrere tausend Menschen wollten gegen die anhaltende Gewalt zwischen dem türkischen Staat und den PKK-Kurdenrebellen demonstrieren und „Frieden - jetzt sofort“ fordern.

Doch dazu kam es nicht. „Man hörte zuerst eine große und dann eine kleinere Explosion“, berichtet der 52-jährige Ahmet Önen, der an der Kundgebung teilnehmen wollte. „Aus einer Demonstration für den Frieden ist ein Massaker geworden“, sagt er. „Ich verstehe das nicht.“ Viele Türken sind geschockt. Die Zahl der Toten steige immer weiter, schreibt der Autor Mustafa Sönmez entsetzt auf Twitter. „Es ist schlimmer als ein Albtraum.“

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Viele Kundgebungsteilnehmer sind sicher, dass der Staat eine Mitschuld an dem neuerlichen Anschlag trage - das Blutbad wird verglichen mit dem Anschlag von Suruc, bei dem ein Anhänger der Dschihadistenorganistion Islamischer Staat (IS) am 20. Juli mehr als 30 kurdische und linke Aktivisten tötete. Kritiker werfen der Regierung vor, Spannungen mit den Kurden anfachen zu wollen, um ihre Chancen bei der Wahl zu verbessern.

Das sieht auch die HDP so. Die Kurdenpartei erklärt, ihre Mitglieder seien in Ankara das Hauptziel der Attentäter gewesen: Die Sprengsätze wurden demnach am Aufmarschplatz der HDP-Delegation bei der geplanten Demonstration gezündet. Von der sonst omnipräsententen Polizei sei vor dem Anschlag nichts zu sehen gewesen, erklärt die Kurdenpartei. Als die Beamten dann eingetroffen seien, hätten sie Helfer mit Tränengas angegriffen.

HDP-Chef Selahattin Demirtas äußert ebenfalls den Verdacht, dass die Regierung in den Doppelanschlag verwickelt sein könnte: „Ist es vorstellbar, dass ein Staat mit einem so starken Netz an Geheimdiensten im Vorfeld keine Hinweise auf den Anschlag hatte?“ fragt er.

So aufgeheizt ist die Stimmung nach den Explosionen, dass Demonstranten einen Polizeiwagen angreifen und einige Minister, die sich am Bahnhofsplatz ein Bild von der Lage machen wollten, mit Buhrufen und Flaschenwürfen vertreiben. Polizisten schießen in die Luft, um protestierende Demonstranten auseinanderzutreiben. Wütende Kundgebungsteilnehmer rufen „Polizei Mörder!“ Regierungskritische Medien berichten, nach dem Anschlag seien in Ankara 30 Menschen festgenommen worden - es handle sich aber nicht um Tatverdächtige, sondern um Demonstrationsteilnehmer.

Diese Reaktionen lassen erwarten, dass sich die Spannungen bis zum Wahltag in drei Wochen noch weiter aufbauen werden. Die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) verkündete am Samstag zwar wie erwartet einen neuen Waffenstillstand, doch ist das Land von einer friedlichen Vorwahl-Stimmung weit entfernt.

Innenminister Selami Altinok bringt kurz nach dem Anschlag die Regierungskritiker noch weiter in Rage, indem er erklärt, er könne keine Schwächen der Geheimdienste oder Sicherheitsbehörden im Zusammenhang mit der Gewalttat erkennen. Einen Rücktritt lehnt der Minister ab.

Der Anschlag von Ankara hat das politische Klima im Land endgültig vergiftet: HDP-Chef Demirtas erklärt, Präsident Recep Tayyip Erdogan und Ministerpräsident Ahmet Davutoglu könnten sich eventuelle Beileidsbotschaften sparen - er werde nicht ans Telefon gehen, um mit ihnen zu sprechen.


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