Experten: „Anti-Strache-Strategie“ rettete SPÖ in Wien

Die Zuspitzung auf das „Bürgermeister-Duell“ Häupl vs. Strache war eine clevere Taktik der SPÖ, analysierten Politologen nach der Wien-Wahl. Grüne und ÖVP waren die Leidtragenden. Die NEOS hätten ihre „Pflicht erfüllt“.

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Wien - Politologen und Meinungsforscher sind sich einig, dass die SPÖ mit einer cleveren Strategie ein respektables Ergebnis bei der Wien-Wahl gerettet hat. Die Zuspitzung auf ein Bürgermeister-Duell Michael Häupl gegen Heinz-Christian Strache habe dazu geführt, dass die Sozialdemokraten aus einer schwierigen Position heraus Platz eins klar verteidigt hätten. Darunter gelitten hätten vor allem die Grünen.

Politik-Experte Thomas Hofer sieht den überraschend klaren Sieg der SPÖ im Duell mit der FPÖ als Ausdruck einer geschickten „Anti-Strache-Positionierung“ von Bürgermeister Häupl. Als erfolgreich habe sich die Strategie der SPÖ erwiesen, anders als Landeshauptmänner wie Hans Niessl, Franz Voves (beide SPÖ) oder Josef Pühringer (ÖVP) nicht einen Teil der FPÖ-Agenda imitiert, sondern sich geschickt als Anti-Strache positioniert zu haben.

Hilfe für Häupl durch Grüne und NEOS

Ähnlich sieht das Politologe Peter Hajek. Auf Kernthemen zu setzen und sich gegen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zu stellen, sei angesichts des Ergebnisses als guter Wahlkampf zu bewerten. Der SPÖ sei es gelungen, mit einem raffinierten Wahlkampf aus einer Position der Chancenlosigkeit eine Tugend zu machen, meint OGM-Chef Wolfgang Bachmayer. Dabei habe Häupl nicht direkt auf das Flüchtlingsthema gesetzt, sondern auf die Zuspitzung der Frage, wer künftig die Stadt lenken soll.

Geholfen hätten ihm dabei Grüne und NEOS, die ins selbe Horn gestoßen hätten, dass Strache auf keinen Fall Bürgermeister werden dürfe, insofern „selber schuld“, meint Bachmayer zur enttäuschenden Performance der Grünen. Etwas Mitleid signalisiert Hofer, hätten die Grünen doch für ihre Klientel in der Regierung einige Ausrufezeichen gesetzt und könnten jetzt nichts ernten. Dazu erbe man auch noch eine Personaldebatte nach der Ankündigung von Spitzenkandidaten Maria Vassilakou im Wahlkampf, bei Verlusten abzutreten.

Politologen: Gewisse Limitierung bei der FPÖ

Nicht ganz einig sind sich Hofer und Hajek auch, was das Potenzial der Freiheitlichen angeht. Hofer sieht belegt, dass es doch eine gewisse Limitierung für die FPÖ gibt, die ja diesmal eine günstige Themenlage vorgefunden hatte. Hajek wiederum meint bloß, dass das Ergebnis nur zeige, dass die Wähler vor einem Platz eins für die Freiheitlichen zurückgeschreckt hätten. Ein etwas besseres Ergebnis für die FPÖ hätte auch Bachmayer für möglich gehalten, hätte sich nicht alles auf das Duell zugespitzt, wer an der Spitze liegt.

Einig sind sich alle Experten in der Einschätzung, dass die ÖVP in der Bundeshauptstadt am Boden liegt. Bachmayer hält es immerhin für wahrscheinlich, dass die SPÖ die Volkspartei in die Regierung holt, sollte sich doch noch eine etwas deutlichere Mehrheit für die beiden Parteien ausgehen. Hajek sieht die Fortsetzung eines seit 30 Jahren andauernden Trends gegen die Volkspartei in der Bundeshauptstadt, die nun neben der Konkurrenz von den Grünen auch von den NEOS und neuerdings von der FPÖ angeknabbert werde.

Alles falsch gemacht hat die Wiener ÖVP aus Sicht Hofers, vom Spitzenkandidaten bis zur Themensetzung. Eine Erneuerung an Kopf und Gliedern werde in der Bundeshauptstadt notwendig sein, wolle die Volkspartei bei einer Nationalratswahl stärkste Kraft werden.

NEOS gehen gestärkt aus „Schicksalswahl“ hervor

Obwohl das Potenzial in Wien wohl höher wäre, zählen die drei Experten die NEOS zu den Gewinnern des Urnengangs. Es habe sich um eine „Schicksalswahl“ gehandelt und bei der habe man ein gutes Ergebnis herausgeholt, befand Bachmayer. Für Hofer ist der „Pflicht-Einzug“ gelungen. Wären die NEOS auch in Wien gescheitert, wäre das ein „Desaster“ gewesen. Den Erfolg habe man gebraucht wie einen Bissen Brot, auch wenn die Marmelade darauf fehle. Denn in Wien wäre schon auch mehr drinnen gewesen.

Einen kulanteren Umgang mit den NEOS empfiehlt Hajek. Die Partei brauche einfach Zeit. Das sei dereinst bei den Grünen auch nicht anders gewesen. (tt.com, APA)


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