Betteln, Prostitution, Diebstahl: Wenn Kinder zur Ware werden

Kinderhandel ist eines der schmutzigsten Geschäfte überhaupt – aber auch eines der lukrativsten. Deshalb machen die Kriminellen auch vor den österreichischen Landesgrenzen nicht Halt.

Kinder werden auf der ganzen Welt ausgebeutet. Alleine in Europa könnten rund 100.000 Kinder Opfer von illegaler Ausbeutung sein, schätzt die EU-Agentur.
© EPA

Von Renate Perktold

Innsbruck, Wien – Sie betteln, müssen auf den Strich gehen oder werden zum Einbrechen und Stehlen gezwungen: Kinder sind für skrupellose Banden ein lukratives Geschäft. So lukrativ wie Drogen oder Waffen, denn mit den schützenswertesten Geschöpfen in unserer Gesellschaft lässt sich gutes Geld verdienen. Auch Österreich ist vor den Machenschaften krimineller Kinderhändler-Ringe nicht gefeit.

Die gute Nachricht vorweg: Kinderhandel ist in Österreich auf dem Rückzug. Was aber nicht bedeutet, dass es das Problem hierzulande nicht gibt. „Wir haben gerade erst eine Bettelorganisation aufgedeckt, die auch Minderjährige zur Prostitution anhielt“, weiß Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle im Bundeskriminalamt zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität und des Menschenhandels. Demnach hätten sich die unter 18-Jährigen entscheiden können, ob sie das Geld für die Bande durch Prostitution oder Bettelei beschaffen.

Roma-Kinder zum Stehlen nach Österreich

„Unsere große Herausforderung ist es, herauszufinden, ob eine Ausbeutung vorliegt oder nicht.“ Gerade bei Kindern sei das oft gar nicht so leicht, erklärt Tatzgern. „Sie wissen ja nicht, was sie erwartet und sind eingeschüchtert. Oft schweigen sie.“

Die „Bettel- und Stehlkinder“ kommen überwiegend aus Bosnien, Ungarn, Bulgarien oder Rumänien. Auch die Hintermänner sitzen oft in den genannten Ländern. Sie locken mit falschen Versprechungen, etwa indem sie den Eltern erzählen, die Kinder würden im Ausland eine Ausbildung erhalten. Oder sie arbeiten mit Drohungen gegen Familienmitglieder. Vor allem Kinder von Roma aus Bosnien werden so über die Grenze nach Österreich geschafft.

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Definition Kinderhandel

Als Menschen- bzw. Kinderhandel gilt gemäß UN-Menschenhandelsprotokoll (BGBl. III Nr. 220/2005) „die Anwerbung, Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder Aufnahme von Personen zum Zweck der Ausbeutung“.

Dies geschieht zumeist durch „die Androhung oder Anwendung von Gewalt oder anderen Formen der Nötigung, durch Entführung, Betrug, Täuschung, Missbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit“. Vielfach werden Kinder ihren Eltern oder Obsorgeberechtigten „abgekauft“.

Bei Kindern handelt es sich auch dann um Menschenhandel, wenn keines der genannten Druckmittel angewandt wurde. Eine allfällige „Einwilligung“ des Kindes oder der Obsorgeberechtigten ist nicht relevant.

Österreich hat diese Definition in die nationale Gesetzgebung (§ 104a StGB) übernommen. Kinder sind Mädchen und Burschen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr.

„Null-Toleranz bei Prostitution“

An der Grenze zu Ungarn beobachtet die Exekutive immer wieder, dass sich Prostitutionsringe ansiedeln und Jugendliche zum Anschaffen für den Bubenstrich und den Straßenstrich in Wien über die Grenze transportieren. Die Polizei sei da aber vermehrt dahinter. „Da gibt es eine Null-Toleranz“, so Tatzgern. „Auch der Kunde macht sich strafbar, wenn er sexuelle Dienste von Kindern in Anspruch nimmt.“ Das – und die Tatsache, dass viele Bundesländer ein Bettelverbot verhängt hätten, habe den Kinderhandel in Österreich eingedämmt, glaubt der Experte. Die Öffentlichkeit sei zudem in den letzten Jahren sehr sensibilisiert worden. Tatzgern betreut eine Hotline-Meldestelle, unter der Fälle von Menschenhandel gemeldet werden können. Im Schnitt geht pro Woche ein Anruf bzw. ein Mail ein – die Kontaktaufnahmen reichen von Erkundigungen bis hin zu konkreten Hinweisen.

Das Bundeskriminalamt arbeitet auch eng mit den Behörden aus den Ursprungsländern zusammen.

Eine große Herausforderung sieht Tatzgern derzeit aufgrund des erhöhten Flüchtlingsaufkommens auf Österreich zukommen. „Es ist schon die Gefahr gegeben, dass viele sich in so genannte Schuldknechtschaft begeben. Wir wissen ja alle, wie hoch die Schlepperlöhne sind. Wer seine Schleppung nach Europa nicht zahlen kann, läuft Gefahr, sich dann in Abhängigkeit zu begeben.“ Im Zielland könnte es so passieren, dass auch viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in die Abhängigkeit von kriminellen Organisationen geraten und ausgebeutet werden. Auch hier versucht das BKA regelmäßig, Mitarbeiter der Flüchtlingsbetreuung zu sensibilisieren, damit rechtzeitig gegengesteuert werden kann.

Europarat kritisiert Österreich

Der Europa-Rat ist übrigens mit den Bestrebungen der Alpenrepublik noch nicht ganz zufrieden. Am Montag forderte die Europarats-Gruppe gegen Menschenhandel GRETA (Group of Experts on Action against Trafficking in Human Beings) Österreich in einem Bericht auf, einen „nationalen Überweisungs-Mechanismus“ für Opfer von Kinderhandel zu schaffen.

Dabei sollten die speziellen Umstände dieser Kinder berücksichtigt sowie speziell für Kinderhilfe ausgebildete Personen eingebunden werden. Gefordert werden in dem Bericht außerdem geeignete Unterkünfte, Zugang zu unentgeltlichem juristischen Beistand und psychologische Hilfe.

Minderjährige Opfer werden in Wien von der Magistratsabteilung 11 („Drehscheibe“) und in den Bundesländern von den Kinder- und Jugendhilfeträgern betreut. Mitarbeiter der „Drehscheibe“ haben gute Kontakte zu Mitarbeitern der Botschaften und NGOs in den Ursprungsländern, die bei der Suche nach Familienangehörigen helfen und die Kinder bei deren Rückkehr betreuen.


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