NGO kritisiert erneut Arbeitsbedingungen bei Semperit in Thailand

Wien (APA) - Die finnische NGO Finnwatch hat erneut schwere Vorwürfe gegen den österreichischen Gummihandschuh-Produzenten Semperit wegen se...

Wien (APA) - Die finnische NGO Finnwatch hat erneut schwere Vorwürfe gegen den österreichischen Gummihandschuh-Produzenten Semperit wegen seiner Arbeitsbedingungen in Thailand erhoben. Das Unternehmen Siam Sempermed, das der heimische Konzern mit dem thailändischen Joint-Venture-Partner Sri Trang betreibt, verletze weiter Arbeitsrechte.

Finnwatch nimmt die Bedingungen im Werk in Hat Yai (Hatyai) in der Provinz Songkhla an der Grenze zu Malaysia seit 2013 unter die Lupe. 2014 veröffentlichte die NGO einen Report, in dem massive Vorwürfe gegen den Konzern erhoben wurden: Die Arbeiter hätten bis zu 13 Stunden ohne Pause arbeiten und so lange Überstunden leisten müssen, bis vorgegebene Produktionsziele erreicht sind. Während der Arbeit erkrankte Mitarbeiter hätten das Fabriksgelände nicht verlassen dürfen, Arbeiter aus Myanmar seien diskriminiert und Unter-18-Jährige mit gefälschten Pässen beschäftigt worden.

Semperit hatte die Vorwürfe im September 2014 dementiert. „Es gibt bei uns keine Kinderarbeit. Unter 18 stellen wir niemanden ein.“ Das bekräftigte eine Sprecherin am Dienstag auf APA-Anfrage.

Damals wie heute verwies der börsennotierte Konzern auch auf von einer externen Organisation durchgeführte Überprüfungen. Die Business Social Compliance Initiative (BSCI) habe festgestellt, dass Siam Sempermed an ihrem größten Produktionsstandort in Hat Yai alle lokalen Gesetze einhalte. Weder gebe es Kinder- oder Zwangsarbeit noch Diskriminierungen. Alle Mitarbeiter erhielten eine „angemessene Vergütung“, wie Semperit schon im Juni 2014 mitgeteilt hatte.

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Finnwatch hat nun am heutigen Dienstag einen Folgereport veröffentlicht; Basis waren 27 Interviews mit Siam-Sempermed-Gastarbeitern aus Myanmar und Kambodscha. Einige Missstände seien beseitigt worden. „Die Arbeiter bekommen jetzt Gehaltszettel und Arbeitsverträge in ihrer Sprache“, so die NGO. Auch sei es für die Arbeiter leichter, in Krankenstand zu gehen, illegale Entlassungen seien passé.

Akkordarbeit gebe es dagegen immer noch. Toilettenbesuche würden zwar nicht mehr eingeschränkt. Arbeiter aus der Verpackungsabteilung mit fixen Produktionsvorgaben hätten aber berichtet, dass sie es vermieden, Flüssigkeit zu trinken, um nicht zu viel Zeit mit dem Gang zur Toilette zu verlieren, heißt es im Report.

Die interviewten Arbeiter seien auch unzufrieden damit, dass sie nicht mehr als zwei Tage hintereinander unbezahlten Urlaub auf einmal bekämen, um ihre Heimatländer zu besuchen.

Ein großes Problem ist laut Finnwatch, dass die Arbeiter in der Verpackungsabteilung noch immer nach Leistung bezahlt würden (Akkordarbeit). Pro verpackter Handschuhschachtel erhielten die Arbeiter 12 bis 13 Baht (30 bis 32 Cent). Den in Thailand gesetzlich vorgeschriebenen Satz für Überstunden (56 Baht pro Stunde) bekämen die Arbeiter nicht.

Die Verpacker würden unter Druck gesetzt, extrem schnell zu arbeiten. Wenn sie ihre Ziele nicht erreichen, werde ihnen mit Entlassung oder Versetzung in eine andere Abteilung, wo die Arbeit körperlich noch anstrengender sei, gedroht.

Die Firma fahre außerdem weiter damit fort, die Reisedokumente bzw. Arbeitsbewilligungen der Wanderarbeiter einzubehalten. Außerdem würden „unzumutbar“ hohe Gebühren von ihren Löhnen abgezogen. Laut den Interviews müssten neue Wanderarbeiter eine Rekrutierungsgebühr von 4.500 bis 7.000 Baht pro Person zahlen - früher seien es noch mehr, nämlich 9.000 Baht, gewesen, so Finnwatch. Für Dokumente, die die Wanderarbeiter laut thailändischem Gesetz brauchen, kassiere das Unternehmen rechtswidrigerweise „extrem hohe“ Gebühren. Arbeiter aus Kambodscha hätten gesagt, sie hätten 18.000 Baht für Dokumente bezahlen müssen.

Weiters bemängelten die Arbeiter dem Report zufolge, dass ihnen die Firma noch immer keine Transportmöglichkeit für den sehr gefährlichen Weg zur Arbeit zur Verfügung stelle. Die Menschen kämen zu Fuß oder mit dem Rad in die Fabrik. An der vielbefahrenen Straße Richtung Malaysia seien Vergewaltigungen und Entführungen an der Tagesordnung.

Den Interviews zufolge beschäftigt Siam Sempermed auch weiterhin Unter-18-Jährige aus Myanmar. Die Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren müssten den Behörden in Myanmar Geld für gefälschte Pässe zahlen. Das wies eine Semperit-Sprecherin heute erneut ausdrücklich zurück. Es gebe eine „klare Regelung“, dass man erst Menschen ab 18 einstelle.

Semperit hat auch in dem Report ausführlich zu den Vorwürfen Stellung genommen und darin etwa auf eine neuerliche BSCI-Überprüfung verwiesen. 2015 habe Sempermed bereits 98 Prozent der BSCI-Standards eingehalten, 2013 seien es 84 Prozent gewesen. Laut den BSCI-Berichten aus den Jahren 2014 und 2015 würden im größten Produktionswerk von Siam Sempermed die thailändischen Gesetze eingehalten.

Außerdem zeige die BSCI-Überprüfung, dass keine Menschen unter 18 Jahren für Siam Sempermed arbeiteten, dass es keine Diskriminierung gebe und dass alle Arbeiter eine „faire Entlohnung“ erhielten. Des Problems gefälschter Dokumente sei man sich bewusst, man habe ein spezielles Augenmerk darauf und könne es weitgehend ausmerzen.

Dass es noch immer Probleme mit Überstunden gebe, räumte Semperit aber ein. Es gehe um freiwillige Überstunden der Wanderarbeiter, die in der Zeit, in der sie sich in Thailand aufhalten dürfen (üblicherweise drei Jahre), „so viel Geld wie möglich“ verdienen möchten. Diese Überstunden übersteigen den BSCI-Standard, so Semperit.

Puncto Überstundenkompensation verwies Semperit auf Bonusleistungen, die korrekt ausgezahlt würden. Ein ausländischer Wanderarbeiter könne binnen drei Jahren 10.000 Baht verdienen. Es handle sich dabei um einen Zuschlag zum Akkordlohn, wie es in der Industrie in Thailand gang und gäbe sei, so eine Sprecherin auf Nachfrage.

Dass das Unternehmen Rekrutierungsgebühren kassiere, stimme nicht. Die Gastarbeiter müssten lediglich für Kosten aufkommen, die im Zusammenhang mit der Arbeitsbewilligung angefallen sind. Die Bewilligung gelte für alle Unternehmen in Thailand. Auch bei Dokumenten müssten die Arbeiter selbstverständlich nur für die wirklich entstandenen Kosten aufkommen.

In einem in Wien veröffentlichten Pressestatement hielt Semperit außerdem „grundsätzlich fest, dass bei Siam Sempermed gemäß JV-Vertrag der von unserem Partner Sri Trang nominierte Managing Director für sämtliche Personalangelegenheiten zuständig ist“. Man nehme die „Hinweise“ von Finnwatch aber sehr ernst. „Dort wo wir uns weiter verbessern können, sind wir für Anregungen dankbar und werden diese konsequent mit unserem Joint-Venture-Partner, der für sämtliche Personalangelegenheiten des Standorts zuständig ist, umsetzen. Was wir jedoch strengstens zurückweisen, sind die Vorwürfe im arbeitsrechtlichen Bereich. Siam Sempermed hält ausnahmslos alle gültigen arbeitsrechtlichen Bestimmungen in Thailand ein. Es werden weder Mitarbeiter unter 18 Jahren eingestellt noch Reisepässe konfisziert.“

~ ISIN AT0000785555 WEB http://www.semperitgroup.com ~ APA379 2015-10-13/14:15


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