Die Entdeckung der Form

Mit der Dokumentation anonymer Industriebauten wurden Bernd und Hilla Becher zu zentralen Gestalten der deutschen Fotografiegeschichte. Jetzt ist Hilla Becher 81-jährig gestorben.

© APA/EPA/HENNING KAISER

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Gasometer und Hochöfen, Wasser- und Kühltürme, Kohlebunker, Zechen, Fabrikhallen, Silos – Bernd und Hilla Becher haben sie zu Hunderten fotografiert: betont sachlich, kühl, schwarzweiß, menschenleer. Doch da waren nicht allein Dokumentaristen am Werk: Von den Bechers typologisch nach Formen geordnet, entstanden seit den 1960er-Jahren aus namenlosen Architekturen „anonyme Skulpturen“, die in der Kunstwelt rasch mit der Konzeptkunst verschwägert wurden. Zahlreiche Auszeichnungen gab es dafür, darunter 1990 den Goldenen Löwen der Biennale Venedig.

„Wir haben diese Arbeit aus schierer Lust an Bildern begonnen; wir wussten, dass die Dokumentation solch faszinierender Formen – die man ja grundsätzlich schön oder hässlich finden kann und deren Zweck in erster Linie nicht ästhetisch ist – uns Freude machen würde. Wir wollten diese Formen entdecken und sie mit Hilfe der Fotografie sammeln“, sagte Hilla Becher einmal über den Beginn der fotografischen Dokumentation der Industriegeschichte. Es entstand daraus auch eine neue Wahrnehmungsästhetik: Der Blick der Bechers auf gigantische Industriebauten hat sie selbst zu Giganten der deutschen Fotografiegeschichte gemacht. Sie verhalfen ihr letztlich auch in Deutschland zum – im Vergleich etwa zu den USA verspäteten – Durchbruch als eigenständige Kunstgattung, die einflussreiche „Becher-Schule“ an der Düsseldorfer Akademie hat die neuen deutschen Stars der Fotokunst, darunter Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Struth und Thomas Ruff, hervorgebracht.

Nach dem Tod von Bernd Becher im Jahr 2007 hat seine Witwe die gemeinsame Arbeit fortgesetzt, noch im vergangenen Jahr wurde sie dafür mit dem hoch dotierten Großen Rheinischen Kulturpreis ausgezeichnet. Bereits am vergangenen Samstag ist nun auch Hilla Becher im Alter von 81 Jahren verstorben, wie der Verlag Schirmer/Mosel, der das Gesamtwerk von Bernd und Hilla Becher seit 1977 in bisher 22 Bänden publiziert hat, am Dienstag mitteilte.

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