Größeres Gehirn macht nicht intelligenter

Anhand von 8000 Testpersonen belegte ein internationales Forscherteam nur einen schwachen Zusammenhang der Gehirngröße mit dem IQ. Hirnstruktur sei viel wichtiger für Leistungen bei IQ-Tests.

Symbolfoto
© Daniel Wiedemann

Wien – Ein großes Gehirn garantiert nicht unbedingt höhere Intelligenz. Das zeigte ein internationales Team unter Leitung von Forschern der Universität Wien, die Studien-Daten von über 8000 Testpersonen analysiert haben. Sie stellten dabei nur einen schwachen Zusammenhang zwischen Gehirngröße und Intelligenzquotient (IQ) fest, berichten sie im Fachjournal „Neuroscience and Biobehaviorial Reviews“.

Lange ist man davon ausgegangen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Gehirngröße und der intellektuellen Leistung gibt, „doch dieser wurde bis dato überschätzt“, sagte Jakob Pietschnig vom Institut für Angewandte Psychologie der Universität Wien gegenüber der APA. Er hat mit Kollegen in einer Meta-Analyse die Ergebnisse von 88 Studien mit mehr als 8000 Testpersonen untersucht.

Dabei zeigte sich, dass die Größe des Gehirns für Leistungen bei IQ-Tests nur eine untergeordnete Rolle spielt. Entscheidend ist nach Angaben der Wissenschafter vielmehr die Struktur des Gehirns, also „der Aufbau von Kortex, Mittelhirn, Kleinhirn usw. und dass weiße und graue Gehirnmasse integer sind, in dem Sinne, dass sie optimal zusammenhängen - das ist viel wichtiger als dass es besonders viel davon gibt“.

Wie wichtig die Struktur des Gehirns ist, zeigt der Vergleich mit anderen Arten: Denn ginge es rein nach der Gehirngröße, müsste der Pottwal mit einem bis zu neun Kilogramm großen Gehirn die Intelligenzbestie schlechthin sein. Aber auch im Verhältnis zur durchschnittlichen Körpermasse der jeweiligen Tierart betrachtet, ergibt sich kein realistisches Bild: Da liegt die Spitzmaus an der Spitze, deren Gehirn etwa vier Prozent des Körpergewichts ausmacht - also deutlich mehr als der Mensch, dessen 1,3 bis 1,5 Kilo schweres Gehirn im Schnitt etwa zwei Prozent des Körpergewichts auf die Waage bringt.

Pietschnig verweist aber auch auf andere Faktoren, die einen starken Einfluss von Gehirnvolumen und Intelligenz infrage stellen: So haben etwa Männer im Durchschnitt größere Gehirne als Frauen, es gibt aber keine Geschlechtsunterschiede bei den generellen kognitiven Fähigkeiten. Auch Personen mit Megalenzephalie (übermäßige Vergrößerung des Gehirns, Anm.), würden im Allgemeinen unterdurchschnittliche IQ-Testleistungen erbringen.

Der in der Meta-Studie festgestellte schwache Zusammenhang zwischen Gehirngröße und IQ-Testleistung wird von den Wissenschaftern eher als Art „kognitive Reserve“ interpretiert: „Wenn gewisse Hirnareale nur suboptimal funktionieren, kann man offenbar auf diese Reservekapazität im Sinne von Hardware zurückgreifen“, sagte Pietschnig. (APA)


Kommentieren


Schlagworte