Hutterer: Die Vorbilder von gestern

Die Hutterer sind wieder in Tirol. Einblicke in das Leben einer starken Gemeinschaft, in der nicht mehr alles so läuft wie vor 500 Jahren.

Edward und Judith Kleinsasser besuchen mit Margaret und Jakob Waldner (von links) historische Täufer-Stätten. Vor dem Goldenen Dachl wurde Jakob Huter 1536 als Ketzer verbrannt.
© Julia Hammerle

Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck –Judith Kleinsasser und Margaret Waldner tragen bodenlange, traditionelle Kleider über ihren weißen Blusen, auf dem Kopf schwarze Tücher. Sind sie unter sich, sprechen sie Hutterisch – eine Sprachform, die klingt wie eine Mischung verschiedener heimischer Dialekte vergangener Zeiten. Auf den ersten Blick scheint sich nicht viel verändert zu haben im Leben einer Gruppe von Menschen, die vor rund 500 Jahren aus Tirol vertrieben wurde. Doch dann zückt eine der Frauen ein Handy und macht Fotos. Und Edward, Judiths Mann, erzählt, die Damen seien gerade vom „Shoppen“ im Einkaufszentrum gekommen. Etwas Österreichisches, das es in Manitoba in Kanada nicht gibt. Einen Tirolerhut, Schokolade.

Jakob Waldner zieht einen modernen Laptop aus der Tasche, darauf eine Powerpoint-Präsentation mit Bildern vom Leben in einer Hutterer-Kolonie. Eine ausführliche Dokumentation für ihren Besuch in einem Innsbrucker Gymnasium – eine Station auf ihrer Reise in die eigene Geschichte. In Tirol wohnten sie der Eröffnung mehrerer Gedenktafeln und eines Denkmals bei, die an die Verfolgung ihrer Vorfahren erinnern. An der Schule war ihnen die veraltete technische Ausstattung aufgefallen. Das solle aber nicht herablassend klingen. „Bitte nicht falsch verstehen! An unseren Schulen gibt es Smartboards, interaktive Tafeln“, sagt Waldner. Die kleineren Schüler hätten ein Tablet, die größeren einen Laptop – ein starker Kontrast etwa zu ihrer traditionellen Kleidung. Einige der jungen Menschen verlassen ihre Kolonie, manche kommen auch zurück. Kleinsasser: „Die Türen sind offen.“

Im Unterschied zu konservativen Hutterer-Kolonien, die dem Fortschritt skeptisch gegenüberstehen, setzen er und Waldner auf ihren Farmen Crystal Spring und Decker auf zeitgemäße Hilfsmittel. „Früher hatten wir Pferde zum Pflügen und zum Transport, heute benützen wir die modernsten Maschinen“, erzählt Kleinsasser. Die Muttersprache ist Hutterisch, die Hauptsprache Englisch. Deutsch wird als zweite Sprache gelehrt. Wie einst leben die Hutterer in friedlicher, christlicher Gütergemeinschaft auf großen Farmen, in Kanada und den USA sind das heute rund 50.000 Menschen in 500 Kolonien. Die Familien sind sehr kinderreich. Es gilt nach wie vor die Erwachsenentaufe, die bewusste Entscheidung.

„Seid ihr die aus der Zeitung? Die Hutterer?“, werden sie in der Stadt wiederholt angesprochen. Die beiden Paare freuen sich über das Interesse. „Die Menschen sind sehr freundlich. Die Tiroler halten mehr von den Hutterern als die Hutterer von sich selbst“, sagt Kleinsasser. Könnte er sich vorstellen, dass sich einige wieder in Europa ansiedeln? „Ja, vielleicht. Wenn es eine Einladung dazu gibt.“ Eduard Geissler vom Hutterer Arbeitskreis Tirol und Südtirol: „Die Hutterer leben die absolute Gewaltlosigkeit. Wir könnten viel von ihnen lernen.“

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Einblick in eine „Kloankinderschual“.
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Pizza-Backen in der Gemeinschaftsküche.
© Spirk

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