Nahost-Konflikt - Von Siedlern in Hebron vertrieben

Hebron/Jerusalem (APA) - „Tötet sie, sie ist eine Palästinenserin“, ertönt es offenbar auf hebräisch. Schnellen Schrittes verlassen wir die ...

Hebron/Jerusalem (APA) - „Tötet sie, sie ist eine Palästinenserin“, ertönt es offenbar auf hebräisch. Schnellen Schrittes verlassen wir die Shuhada-Straße in Hebron. Eigentlich wollte uns Nadav Weiman von der NGO „Breaking the Silence“ die von jüdischen Siedlern bewohnte ehemalige Hauptstraße der Stadt zeigen. Doch die Situation eskaliert und zwei radikale Siedler vertreiben unsere Gruppe mithilfe von Polizei und Armee.

Doch alles der Reihe nach. Hebron ist für das Judentum und den Islam ein historisch bedeutender Ort. Vor etwa 4.000 Jahren sei Abraham in die Stadt gekommen, heißt es. Er und seine Frau Sarah seien hier begraben, David habe hier sein Königreich gegründet und alle wichtigen Gründerväter Israels seien hier begraben, erzählt uns Weiman.

Im 15. Jahrhundert seien viele spanische Juden nach Hebron gekommen und hätten lange friedlich mit ihren muslimischen Nachbarn zusammengelebt. Erst im 20. Jahrhundert kam es zu Auseinandersetzungen. 1929 starben dutzende Juden bei einem Massaker durch Araber, 350 Juden seien jedoch von Arabern noch vor der Evakuierung durch die Briten gerettet worden, so Weimann. Die friedlichen Zeiten waren dennoch endgültig vorbei.

Weiman kennt sich aus in der Stadt. Seine NGO wurde 2004 von ehemaligen israelischen Soldaten, nach acht Monaten Einsatzes während der Zweiten Intifada in Hebron, gegründet. Sie wollten sich mit den Menschenrechtsverletzungen der Armee im Umgang mit Palästinensern nicht mehr abfinden und die israelische Öffentlichkeit darüber aufklären. Mittlerweile gebe es 40 aktive Mitglieder, über 1.000 Soldaten hätten Zeugnis über ihre Einsätze in den besetzten Gebieten abgelegt. Begeistert sei dies von der Armee nicht aufgenommen worden. „Was die Armee am meisten fürchtet, ist Solidarität zwischen Israelis und Palästinensern“, erklärt der 29-Jährige.

Der 25. Februar 1994 markiert erneut einen Wendepunkt der Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in Hebron. Der fanatische jüdische Siedler Baruch Goldstein erschießt 29 Palästinenser als Rache für einen Angriff mit Äxten von militanten Palästinensern auf einen Juden. Seither ist die Shuhada-Straße, früher die wichtigste Einkaufsstraße der Stadt, abgeriegelt. Nur mehr Palästinenser mit einem Anrainerausweis dürfen die Straße zu Fuß betreten.

1997 beschlossen Benjamin Netanyahu und Yasser Arafat die Teilung der Stadt. 650 jüdische Siedler werden seitdem von 700 bis 900 israelischen Soldaten bewacht. 2001 erschießt ein palästinensischer Scharfschütze das Baby einer Siedlerfamilie. Daraufhin okkupieren neun Siedlerfamilien palästinensische Geschäfte. Der Oberste Gerichtshof Israels verlangt zwar deren Evakuierung, doch die Armee sagt, sie hätte dazu keine Kapazitäten, erzählt Weiman.

Wir passieren den Checkpoint, der die jüdischen Siedler von den 180.000 palästinensischen Bewohnern trennt. Es schaut aus wie in einer Geisterstadt. Die palästinensischen Geschäfte sind mit Holzbrettern zugenagelt und die Straße ist leer, nur ein paar Soldaten patrouillieren auf der Shuhada-Straße auf und ab.

Zwei Mitglieder unserer Journalistendelegation sind Palästinenserinnen. Die eine hat einen israelischen Personalausweis und die andere einen jordanischen Pass, daher konnten sie den Checkpoint passieren. Eine palästinensische Journalistin, die Kopftuch trägt, hat keinen israelischen Ausweis, sie darf nicht hinein. Außer den paar Familien, die noch in der Straße leben, ist Palästinensern der Zutritt zur jüdischen Siedlung verboten.

Nach wenigen Minuten werden wir entdeckt. Ofer Ohana, der Sicherheitsbeauftragte der Siedler, beginnt uns zu filmen und lautstark unseren Guide auf hebräisch zu beschimpfen. Der lässt sich davon vorerst nicht beirren, die zwei kennen sich und haben das Spiel schon öfter gespielt. „BTS (Breaking the Silence, Anm.) kommt nur um uns zu ärgern und Probleme zu machen“, ruft uns Ohana auf Englisch zu, dann setzt er seine Schimpftiraden auf hebräisch fort.

Die Situation wird immer absurder. Als Ohana entdeckt, dass eine Palästinenserin in der Gruppe dabei ist, schreit er sie an. Ein Kamerateam vom estnischen Rundfunk filmt eifrig mit und alle Journalisten halten die Situation mit ihren Handys fest. Weiman beschließt die Polizei zu rufen, die auch prompt mit einem gepanzerten Fahrzeug auftaucht und zu deeskalieren versucht.

Plötzlich taucht eine Frau in den Fünfzigern auf, Anat Cohen, eine Bekanntheit unter den radikalen Siedlern, wie sich herausstellt. Sie rennt auf die Gruppe zu und versucht die Palästinenserinnen zu erwischen. Die Polizei geht dazwischen, da tritt sie nach dem estnischen Kameramann, doch der bleibt standhaft und hält seine Kamera weiter drauf.

Schließlich erklären Polizei und Armee, dies sei eine militärische Sperrzone und um uns vor Angriffen von Palästinensern zu schützen, sollten wir gehen. Weiman telefoniert mit seinem Anwalt, der sagt, es gebe hier keine Sperrzone. Dies sei auf Befehl von Ohana geschehen, so Weiman. „Es ist absurd, dass ein Zivilist der Armee Befehle erteilen kann.“

Doch um schlimmeres zu vermeiden, machen wir uns auf den Weg. Ohana begleitet uns zum Checkpoint, sein Handy hat er immer noch in der Hand und filmt. „Gegen euch haben wir nichts, ich lade euch zu einem Kaffee in mein Haus ein und erzähle euch unsere Geschichte“, sagt er. „Wir haben auch keine Probleme mit Arabern (im Allgemeinen, Anm.), nur mit manchen Juden und Arabern.“

Draußen erzählt uns Mufed Sharabati, einer der Palästinenser der noch in der jüdischen Siedlung wohnt, dass so was öfter vorkomme. „Wir fühlen uns in unseren Häusern nicht mehr sicher“, dennoch habe er nie daran gedacht wegzugehen. Issa Amro, Vertreter einer palästinensischen Menschenrechtsorganisation, sagt „hier sind die Siedler schon besonders fanatisch.“ Viele palästinensische Familien seien schon weggezogen. Die Journalistengruppe ist froh, dass nichts passiert ist. Ob ein friedliche Entwicklung hier in der Shuhada-Straße möglich ist, erscheint jedoch allen mehr als fraglich.


Kommentieren