Zu Steinen und Tränengas kamen Messer und Kleinkaliberwaffen

Jerusalem (APA/AFP) - Lange Zeit beschränkten sich die Mittel des Straßenkampfes im Nahostkonflikt auf Steine und Brandflaschen auf Seiten d...

Jerusalem (APA/AFP) - Lange Zeit beschränkten sich die Mittel des Straßenkampfes im Nahostkonflikt auf Steine und Brandflaschen auf Seiten der Palästinenser sowie Tränengas und Gummigeschoße auf Seiten der israelischen Sicherheitskräfte. Binnen zwei Monaten hat sich die Lage dramatisch verändert; beide Seiten greifen jetzt zu gefährlicheren Waffen.

Palästinensische Einzeltäter verübten seit dem 3. Oktober zwei Dutzend Messerattacken. Scharfschützen der israelischen Armee und Polizei setzen vermehrt Kleinkalibergewehre ein. Ein Überblick:

PALÄSTINENSER

- Steine sind die meistbenutzte, weil verfügbarste Waffe der Palästinenser. Sie werden geworfen oder mit Schlingen und Schleudern katapultiert. Die israelischen Strafgesetze stufen Steinewerfen als „schwere Straftat“ ein. Die Höchststrafe wurde für lebensgefährdende Fälle auf 20 Jahre Gefängnis erhöht, Eltern minderjähriger Täter drohen hohe Geldbußen.

- Böller und Feuerwerksraketen sind im palästinensischen Arsenal seit Sommer des vergangenen Jahres dazugekommen. Aus dem Eingang zur Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg wurden sie teilweise zu Paketen gebündelt von improvisierten Abschussvorrichtungen aus abgefeuert.

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- Auch Flaschen mit einem Benzingemisch, in deren Hals ein brennender Lappen steckt, werden vermehrt eingesetzt. Beim Aufprall erzeugen sie einen Feuerball.

- Zeitlich und räumlich getrennt von Straßenprotesten ereigneten sich seit dem Gazakrieg 2014 zudem in Ost-Jerusalem immer wieder Attacken von Einzeltätern, die Fahrzeuge in Menschengruppen, meist an Haltestellen steuerten. Dabei starben sieben Menschen und viele erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

- Ebenfalls ohne zentrale Steuerung, aber angestachelt durch Propagandavideos im Internet, haben sich binnen zwei Wochen Angriffe mit Messern gehäuft. Diese gelten uniformierten Sicherheitskräften oder als Juden erkennbaren Passanten. Genutzt werden alle möglichen Stichwaffen von Fleischermessern über Küchenutensilien bis zu Schraubenziehern.

- Bislher von Palästinensern selten eingesetzt wurden in der gegenwärtigen Gewaltwelle Schusswaffen (zwei Fälle) und einmal ein Sprengsatz in einem Auto.

ISRAEL

- Tränengas ist ein chemisches Reizmittel, das äußerst unangenehm auf Augen und Atemwege einwirkt. Die Gasgranaten können per Hand geschleudert oder mittels Gewehraufsätzen in größere Reichweiten gefeuert werden. In Ost-Jerusalem wird vor allem eine Streugranate eingesetzt, die nach dem Abschuss drei kleinere Tränengaskanister freisetzt.

- Blend- oder Schockgranaten erzeugen beim Aufprall einen grellen Lichtblitz und einen ohrenbetäubenden Knall. Sie sollen Panik erzeugen, die die Polizei zum Vorrücken nutzt.

- Skunk ist eine extrem übelriechende Flüssigkeit, die von der israelischen Polizei vor sechs Jahren entwickelt und nach dem nordamerikanischen Stinktier benannt wurde. Das nach Verwesung und Kloake stinkende Gemisch wird von kleinen Tankwagen aus verspritzt. Betroffene Kleidung kann nur noch weggeworfen werden.

- Andere von den israelischen Streitkräften verwendete Mittel zur Aufruhrbekämpfung sind Rauchbomben, sogenannte Schreimaschinen, die furchterregende Geräusche erzeugen, und Schaumkugeln, die Begleitlaute scharfer Munition täuschend echt nachahmen.

- Mit Gummigeschoßen (mit Metallkern im Westjordanland, dagegen ohne in Israel und Ost-Jerusalem) sollen gewalttätige Demonstranten auf Distanz gehalten werden. Sie gelten als nicht tödlich, solange die Geschoße vorschriftsgemäß nicht aus der Nähe und nicht auf den Oberkörper zielend verwendet werden.

- Das Ruger-Gewehr aus den USA wird von Scharfschützen gegen Werfer von Steinen und Molotowcocktails eingesetzt. Im Westjordanland wird die Kleinkaliberwaffe von der israelischen Armee seit langem verwendet; kürzlich erlaubte die Regierung auch den Einsatz durch die Polizei in Jerusalem. Am 5. Oktober wurde in Bethlehem ein 13-jähriger Schüler von einem abgeprallten Schuss aus einer Ruger getötet.


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