Die Geister im blutenden Schloss

In seinem neuen Kinomärchen „Crimson Peak“ liefert der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro einmal mehr Sinnestäuschungen und nie Gesehenes, vergisst dabei aber auf das Erzählen.

Aufwändige Bauten und kostbare Kostüme in „Crimson Peak“: Mia Wasikowska als Edith Cushing im verwahrlosten Schloss der Sharpes.
© UPI

Von Peter Angerer

Innsbruck –In Alfred Hitchcocks Verfilmung von Daphne du Mauriers Roman „Rebecca“ heiratet eine namenlose Gesellschafterin den von Laurence Olivier gespielten Lord de Winter und beginnt sich auf dessen Schloss sofort unbehaglich zu fühlen. Das ist kein Wunder, denn die Haushälterin hängt noch immer an der unter ungeklärten Umständen verstorbenen Hausherrin Rebecca. Hitchcocks erste US-Produktion wurde 1940 trotz begrenzter Verleihmöglichkeiten ein kommerzieller Erfolg, doch 1966 äußerte sich der englische Gruselmeister in François Truffauts Interview-Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ sehr unglücklich über den Film, denn um mehr Druck zu erzeugen, hätte die Böse nicht die Haushälterin, sondern die Schwester des Lords sein müssen. Jedenfalls wurde „Rebecca“ als bester Film des Jahres mit dem Oscar geehrt und 75 Jahre später gibt es das Märchen, neu erzählt vom mexikanischen Regisseur Guillermo del Toro, der die Schwester zum absoluten Bösen erhöht oder, wie Liebhaber des antiken Roms sagen würden, ohne zu viel zu verraten: ein Caligula-Messalina-Komplott.

An der Wende zum 20. Jahrhundert befindet sich New York auf dem Weg in die Moderne. Die Menschen reden noch wie in den Romanen von Edith Wharton, indem sie das Gegenteil dessen sagen, was sie denken, und so die Tragödien auslösen. Del Toro nennt seine Heldin Edith Cu­shing und verbeugt sich damit vor der Autorin, deren Roman „The Age Of Innocence“ Martin Scorsese eines seiner Schlüsselwerke verdankt, und vor Peter Cushing, einem Star der Londoner Hammer-Horrorfilmproduktion. Auch Edith (Mia Wasikowska) schreibt Romane, allerdings über Geister, die sie seit dem Tod der Mutter mit der Warnung „Hüte dich vor Crimson Peak!“ im Traum bedrängen. Die kryptische Botschaft wird auf die leichte Schulter genommen, die Verleger erwarten sich von Autorinnen ohnehin Liebesgeschichten. Davon hat die behütete Tochter des Immobilienmagnaten Carter Cushing (Jim Beaver) allerdings keine Ahnung. Der britische Erfinder Sir Thomas Sharpe (Tom Hiddleston) hat einige Ideen zur Liebe und zur industriellen Ziegelherstellung, doch Cushing vermisst beim Bewerber die rauen Hände eines Arbeiters, weshalb Sharpe und die New Yorker Jungfrau nach der grausamen Ermordung des Unternehmers in das englische Schloss Allerdale Hall reisen. Das Schloss, durch das bluttriefende Giacometti-Figuren und Gunther van Hagens plastinierte Leichen schleichen, hat kein Dach, dafür aber dunkle Geheimnisse, die von Sharpes Schwester Lucille (Jessica Chastain) bewacht werden. Aus Boden- und Mauerritzen blubbern roter Lehm und Blut. Der Volksmund nennt das Anwesen „Crimson Peak“, aus Edith quillt bald wie aus dem Gemäuer Blut.

Seit „Pans Labyrinth“ gilt Guillermo del Toro als Visionär des Kinos. In seinem blutigen „Crimson Peak“ vermittelt zwar jedes Bild die Idee der Sinnestäuschungen und des Niegesehenen, nur die Erzählung verrät eine blutleere Haltung. Am Ende sind die Schlüsselszenen aus einer anderen Perspektive noch einmal zu sehen, um die Whodunnit-Frage zu klären.

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