James Bond: Aus dem Reich der Toten
Ein grandios gescheiterter Film über das Scheitern: Mit „Spectre“ stimmt Oscar-Preisträger Sam Mendes den Abgesang auf Daniel Craigs Ära als James Bond an – und stellt die 007-Uhr auf null.
Von Joachim Leitner
Innsbruck –Doktor Freud lässt grüßen: Nachdem „Skyfall“ (2012) letzten Endes vorrangig das Verhältnis verhaltensauffälliger Doppelnull-Agenten zu ihrer (Ersatz-)Mutter verhandelte, geht die Familienaufstellung im Hause James Bond mit „Spectre“ weiter. Diesmal dreht sich alles um abwesende Väter, die Rivalität zwischen Brüdern und die Sehnsucht nach vergangenem Glück. Mehr noch: Es geht darum, Momente vergangenen Glücks in einer wesentlich unfreundlicheren Gegenwart zu simulieren. Und um die Einsicht, dass solche Versuche scheitern müssen.
In seinem Meisterwerk „Vertigo“ hat Alfred Hitchcock etwas ganz Ähnliches durchexerziert. Allerdings: Während Hitchcock James Stewart mit dem Auto ins „Reich der Toten“ abdriften lässt, besteigt James Bond in „Spectre“ – der erneut von „Skyfall“-Regisseur Sam Mendes inszeniert wurde – einen Zug. Wie in „Casino Royal“ (2006). Und wie damals ist eine Frau an seiner Seite. Doch das Prickeln, das Bonds Zugfahrt mit Vesper Lynd zu einem modernen Klassiker des Kinoflirts machte, fehlt. Was weder an Bond (Daniel Craig) noch an Madeleine Swann (Léa Seydoux) liegt, sondern daran, dass sich die zauberhafte Unschuld eines ersten Dates nicht reproduzieren lässt. Selbst wenn das Dekor bis ins letzte Detail stimmt – und Commander Bond inzwischen gelernt hat, wie adrett sich sein psychisch wie physisch gemarterten Körper mittels maßgeschneidertem Dinner Jacket aufhübschen lässt.
Letztlich ist „Spectre“ ein Film über das Scheitern. Und auf bedrückend konsequente und dank eines Gesamtbudgets von 300 Millionen US-Dollar ungeheuer teure Art ein gescheiterter Film: szenisches Stückwerk, viel Stil, kaum Substanz.
Vor allem aber ist „Spectre“ ein Film, der, auf sich alleine gestellt, nicht funktionieren würde. Beinahe zwanghaft werden alle losen Enden, die sich in den drei bisherigen Craig-Bonds aufgetan haben, verknüpft. Selbst das bisher durchaus Sinnhafte bekommt einen neuen Sinn aufgedrückt. Das, was nicht passt, wird passend gemacht. Das erfrischend Andere, das die Bond-Filme mit Daniel Craig bislang ausgemacht hat, das unerhört Ungestüme und doch Verletzliche, wird geglättet. Bond ist wieder im Superheldenmodus, selbst massivste Foltermaßnahmen bleiben folgenlos. Nach „Spectre“ ist das Bond-Franchise wieder da, wo es vor Jahrzehnten war: fesche Anzüge, seltsame Spielzeuge, größenwahnsinnige Superschurken. Fehlt eigentlich nur noch Roger Moore im Weltraum.
Ja, „Spectre“ ist ein Abgesang auf die Ära Craig: Die Zeichen stehen auf Abschied. Dabei, das muss erwähnt werden, beginnt „Spectre“ fulminant. Eine spektakuläre Plansequenz durch Mexiko-Stadt, wo gerade bezeichnenderweise der „Tag der Toten“ gefeiert wird, mündet in eine noch spektakulärere Verfolgungsjagd: crash, boom, bang.
Die Schauwerte sind auch danach beachtlich. Und, ja, auch die Tiroler Schauplätze – gedreht wurde bekanntlich in Obertilliach, Sölden und im Kaunertal – kommen, obwohl namentlich nicht genannt, gut weg. Selbst Kitzbühel hat einen Gastauftritt in Form eines durchaus bedeutsamen Zeitungsausschnittes. In Kitzbühel – so will es Ian Flemings Bond-Mythologie – starben einst die Eltern des kleinen James. Dort fand er seine erste Ersatzfamilie. Und letztlich sind dort auch die Anfänge jener global agierenden Geheimorganisation zu suchen, die sich „Spectre“, sprich „Special Executive for Counterintelligence, Terrorism, Revenge and Extortion“, nennt – und deren Oberboss Franz Oberhauser (Christoph Waltz), auch so ein komplexbeladener Sonderling, ein ganz persönliches Hühnchen mit 007 zu rupfen hat. Wie gesagt: Sigmund Freud hätte an dem Film seine helle Freude gehabt. Dem an digital aufgemotzter Oberflächenspannung des gängigen Blockbusters geübten Kinogänger der Gegenwart indessen verlangt das 24. Bond-Abenteuer einiges ab. Wirkliche Spannung kommt in den gut 150 Minuten selten auf, die Dialoge pendeln (jedenfalls in der deutschen Synchronfassung) zwischen banal und himmelschreiend blöd, die Actionszenen sind austauschbar – und der fraglos großartige Cast, vor allem Monica Bellucci als italienische Gangstergattin und Andrew Scott als Mr. Denbigh, wirkt ordentlich unterfordert.
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