Erster Blick auf „Spectre“: Eine strahlend schöne Enttäuschung
Am Donnerstagabend feierte der neue James-Bond-Film „Spectre“ in Innsbruck seine Tirol-Premiere. Die Erwartungen waren hoch, aber kann der Film sie auch erfüllen?
Von Joachim Leitner
Innsbruck – Kaum ein Ereignis wurde von James-Bond-Fans heißer ersehnt als die Rückkehr der dubiosen Verbrecherorganisation Spectre, mit der es zuletzt George Lazenby 1969 in „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ zu tun bekam. Allein deshalb war die Spannung vor dem 24. Abenteuer des langlebigsten und mithin erfolg- und folgenreichsten Agenten der Kinogeschichte groß. Und - machen wir es kurz: Der Erwartungshaltung wird „Spectre“ – wenn überhaupt – nur in einer Handvoll Momenten gerecht.
Im Grunde setzt die Handlung nahtlos dort ein, wo der ebenfalls von Oscar Preisträger Sam Mendes inszenierte „Skyfall“ (2012) aufgehört hat. Der MI6 ist am Ende, neue Technologien und eine veränderte politische Großwetterlage machen die Doppelnull-Agenten und ihre Lizenz zum Töten zum Relikt einer anderen Zeit. Offensiv wird darüber diskutiert, sie durch Drohnen zu ersetzen.
Von Mexiko über Rom nach Tirol
Was Bond freilich herzlich egal ist. Er ist auf einer ganz anderen, inoffiziellen, Mission in Mexiko unterwegs, die dem Film eine fulminante Plansequenz durch alle gemeinhin mit dem Agenten in Verbindung gebrachten Stereotype erlaubt: Eine ebenso dekorative wie namenlose Schönheit sinkt vor Bond aufs Bett, aber 007 hat anderes im Sinn, springt aus dem Fenster und lässt es ordentlich krachen.
So kannst weitergehen, denkt man sich. Und muss erleben wie sich die weitere Schnitzeljagd nach Spectre dann doch etwas zäh gestaltet. In Rom rückt Bond der Gangstergattin Lucia Schiara (Monica Bellucci) auf den Leib, wird auf einem Geheimtreffen enttarnt, darf sich prügeln, einen Aston Martin versenken und bekommt – etwaige Plotlöcher werden mittels Tempo überbrückt – jenen Hinweis, der ihn nach Österreich führt.
Bond bleibt Bond
Dorthin also, wo Bonds Eltern einst bei einem Kletterunfall starben und sich jetzt ein alter Bekannter aufhält, der sich allerdings seit den Zeiten als schurkischer Widersacher in „Ein Quantum Trost“ in ein reichlich verstrahltes Häufchen Elend verwandelt hat. Langer Rede kurzer Sinn: nach einigen bedeutungsschweren, nichtssagenden Wortwechseln landet 007 endlich dort, wo ihn das Tiroler Publikum wohl am liebsten von Anfang an gesehen hätte: in einer Melange aus Nord- und Osttiroler Schneelandschaft.
Pittoresk in Szene gesetzt hat der Tirolbesuch freilich nur eine dramaturgische Funktion: Bond lernt Natalie Sean (Léa Seudoux) kennen, mit der er fortan um die Welt und - Achtung beinahe Spoiler - Spectre-Boss Oberhauser hinterher jagt. Dass eine so begnadete, zuletzt in Cannes gewürdigte Actrice wie Seydoux dabei lediglich banale Stehsätze sagen darf – geschenkt. Bond bleibt Bond. Leider. Vor allem weil „Casino Royal“ und zuletzt „Skyfall“ ganz andere Möglichkeiten eröffnet haben.
Aber gut, mit „Spectre“ erreicht Bond wieder jenes Maß an Vorhersehbarkeit und Banalität, die das Franchise in den Pierce-Brosnan-Jahren an den Rand der Belanglosigkeit führten. Daran ändert auch eine beklemmend in Szene gesetzte aber letztlich folgenlosen Folterszenen und ein groß aufspielender Christoph Waltz, der Oberhauser als Bizzaropsychopathen anlegt, wenig.
Größer, lauter, strahlender aber auch zäher
Irgendwie beschleicht einen während der gut 150 Minuten das Gefühl, jede Szene, jedes Dekor und jeden Auftritt schon einmal gesehen zu haben. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn es sich um die wirklich ikonischen Szenen der Reihe handeln würde, auf die angespielt oder – besser gesagt – die schamlos kopiert werden.
Nein, Spectre ist kein großer Bond. Oder für Fans: Wurde „Skyfall“ mit „Goldfinger“ (1964) verglichen, dann drängt sich bei „Spectre“ der Vergleich mit „Diamantenfieber“ (1971) auf. Alles ist größer, lauter und strahlender, aber eben auch langatmiger, zäher. Fazit: eine strahlend schöne Enttäuschung.
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