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Need for Speed: Ohne Pause an die hübsche Wand gesetzt

Dass "Need for Speed" wunderschön aussieht, kann niemand abstreiten.
© EA

„Need for Speed“ bietet seltsame Design-Entscheidungen wie den Verzicht auf eine Pause und den Zwang zur permanenten Internetverbindung. Dass das Spiel großartig aussieht, hilft da nur wenig.

Von Lukas Schwitzer

Innsbruck – „Need for Speed“ ist bereits das 21. Spiel in der Reihe in genauso vielen Jahren. 1994 erschien der erste Titel, damals noch mit bestimmtem Artikel: „The Need for Speed“. Seitdem wurde in der Reihe immer wieder auf bereits dagewesene Namen zurückgegriffen. „Need for Speed: Hot Pursuit“ etwa ist der Titel von Spielen aus den Jahren 1998 und 2010. „Need for Speed: Most Wanted“ wurden Spiele 2005 und 2012 genannt. Einfach nur „Need for Speed“ aber, das gab es noch nie. Was bedeutet das also? Eine komplette Neuerfindung, wie etwa bei „Tomb Raider“? Die Antwort ist kurz: Nein.

„Need for Speed“ ist kein Reboot, kein neuer Ansatz. Es ist „nur“ ein weiterer Eintrag in der Reihe. Was ja im Prinzip nichts Schlechtes ist. Die „NfS“-Spiele sind erfolgreich und beliebt, nicht zuletzt durch das große Angebot an Fahrzeugen, die umfassenden Möglichkeiten der Anpassung und die spannenden Verfolgungsjagden mit der Polizei. All das, was die Reihe bislang groß gemacht hat, verbindet „Need for Speed“ zu einer Art „Best Of“.

Bei den verfügbaren Boliden wird (fast) jeder Geschmack angesprochen. Und die grafische Darstellung sucht ihresgleichen.
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Die unerträglich coolen Tuning-Freunde

Wie in den „Need for Speed: Underground“-Spielen rückt die Tuning-Szene in den Fokus des Spiels. Das bedeutet: Wir füllen unseren Fuhrpark zwar mit vergleichsweise wenigen Autos auf, motzen diese aber bis zur Unkenntlichkeit auf. Lacke, Spoiler, Reifen und Motorenteile, von denen der durchschnittliche Autofahrer noch nie gehört hat: Sie alle können gekauft und an den Boliden geschraubt werden. Und mit dem hauseigenen PS-Monster gilt es dann, Straßenrennen zu bestreiten und in der Gunst der illegalen Renn-Elite zu steigen. Auch etwas „Most Wanted“ schafft es dabei in den Mix. Und natürlich dürfen die aus „Hot Pursuit“ und „Rivals“ bekannten Polizeistreifen nicht fehlen.

Die Geschichte rund um unseren namenlosen Fahrer, der Einlass in eine Clique von unerträglich coolen Hobby-Mechanikern und potentiellen Touring-Champs findet, wird mit echten Schauspielern erzählt. Dabei geht es darum, Rennikonen aus der echten Welt wie Ken Block oder Magnus Walker zu besiegen. Wir sind dabei in der Kamera-Perspektive dabei, was unsere Kollegen immer wieder dazu verleitet, ihre Faust zum „Fist-bump“ ins Bild zu strecken. Nun gut, Charaktere waren noch nie die Stärke von „NfS“-Spielen. Und wer eine mitreißende Story erwartet, ist ohnehin an der falschen Adresse. Im Mittelpunkt stehen eben die Autos. Und natürlich die Straßen.

Tolle Grafik in dunkler Stadt

Erneut dürfen wir uns in der Stadt, die Schauplatz des Spiels ist, frei bewegen. Eine Karte hilft uns dabei, das nächste Rennen zu finden. Orientierung ist ansonsten auch eher schwierig, da sich „Need for Speed“ in einer Welt abspielt, in der die Sonne nie aufgeht. Es ist immer Nacht, immer dunkel. Die Straßen sind daher auch fast menschenleer, nur gelegentlich begegnen uns andere Autos. Das führt allerdings recht schnell dazu, dass wir uns wie in einer völlig leblosen Welt fühlen, die wir doch gerne einmal im Sonnenlicht sehen würden. Dieser Wunsch bleibt uns aber verwehrt. Sehr schade, da die großartige, beinahe fotorealistische Darstellung der Autos wohl auch in heller Umgebung gut zur Geltung kommen würde.

Die frei befahrbare Stadt bietet einen großen Spielplatz, der aber ziemlich leblos und dunkel anmutet.
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Ein großer Nachteil von „Need for Speed“ ist die „Always on“-Voraussetzung. Das bedeutet, beim Spielen muss permanent eine Internetverbindung bestehen. Erst mit der Verbindung mit den „NfS“-Servern lässt sich das Spiel dann tatsächlich spielen. Ärgerlich, da das eigene Spiel dadurch vom Status des Servers abhängt. Geht die Verbindung verloren – im Test mit der Xbox-One-Version passierte das nur einmal –, wird man aus dem Spiel geworfen. Auch wenn es in unserem Fall schnell ging, das Spiel fortzusetzen: „Always on“ wirkt völlig unnötig. Immerhin wird die ständige Verbindung aber nicht mit Mikro-Transaktionen für echtes Geld verbunden.

Wer hat die Pause verschwinden lassen?

Allerdings führt die Tatsache, dass es möglich ist, mit anderen Spielern Rennen zu bestreiten, eine besonders unangenehme Konsequenz mit sich: Das Spiel kann nicht pausiert werden. Richtig, es gibt keine Pause, das Spiel geht immer weiter. Wer also während eines Rennens etwa ein Telefonat annehmen muss, kann nur zusehen, wie die Gegner das Weite suchen. Besonders lächerlich wird dieses „Feature“ bereits zu Beginn des Spiels. Kleine Anleitungen werden während der Fahrt ins Bild eingeblendet. Allerdings wird das Spiel nicht pausiert, um diese auch lesen zu können. Es gibt also zwei Optionen: Die Nachricht lesen und das Auto währenddessen an die Wand setzen oder die Nachricht ignorieren und dadurch eventuell wichtige Informationen verpassen. Wer sich diesen Irrsinn ausgedacht hat, muss derzeit wohl (berechtigterweise) um seinen Job bangen.

Die Stärken von „Need for Speed“ liegen dort, wo bereits jene der Vorgänger lagen. Wunderschöne Grafik und Spitzen-Sound bringen das Rennerlebnis besser zur Geltung als die meisten Konkurrenzspiele. Unterwandert wird der Spaß aber von äußerst ungenauer Steuerung. Selbst für Rennspiel-Veteranen ist es zu Beginn fast unmöglich, ein Fahrzeug nicht an jede Wand zu setzen, die nicht aus dem Weg springt. Hinzu kommt, dass die Gegner-KI mit „Rubberbanding“ arbeitet. Das heißt, wir können nie einen großen Abstand zu unseren Verfolgern aufbauen, da diese immer in der Nähe bleiben, ganz egal, wie gut wir fahren. Das soll die Spannung hoch halten, ist aber frustrierend. Am Schluss eines perfekten Rennens kann uns der Sieg so noch wegen eines kleinen Fehlers durch die Lappen gehen.

Fazit

„Need for Speed“ ist, richtig, ein weiteres „Need for Speed“. Es macht vieles richtig, nicht zuletzt Grafik, Sound und die enormen Anpassungsmöglichkeiten. Leider macht es aber auch viel falsch. „Always on“, die fehlende Pause, die leblose Stadt und das schlechte Handling der Autos hinterlassen einen schlechten Nachgeschmack. „Need for Speed“ ist, wie bereits eingangs erwähnt, kein Reboot, sondern ein „Best Of“. Und wie bei einem solchen Album finden sich zwar großartige Einzelteile, diese fügen sich aber nicht zu einem größeren Ganzen zusammen. Schade, da die „NfS“-Geschichte eigentlich viele Highlights bietet. Nur „Need for Speed“ ist eben keines davon.

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Entwickler: Ghost Games

Publisher: Electronic Arts

„Need for Speed“ ist für Windows-PCs, Playstation 4 und Xbox One erhältlich.

Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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