Zerrissenheit in Ton und Bild: „Peter Grimes“ im Theater an der Wien

Wien (APA) - Ja, es geht in „Peter Grimes“ um Homosexualität, um die innere Zerrissenheit eines Menschen, der seine Gefühle und Sehnsüchte o...

Wien (APA) - Ja, es geht in „Peter Grimes“ um Homosexualität, um die innere Zerrissenheit eines Menschen, der seine Gefühle und Sehnsüchte ordnen muss und gleichzeitig von der Gesellschaft unter starken Druck gesetzt wird. Was in Inszenierungen der 1945 uraufgeführten Oper von Benjamin Britten manchmal nur vage angedeutet wird, daran lässt Regisseur Christof Loy im Theater an der Wien nie einen Zweifel.

Die Aufführung, die gestern, Samstag, Premiere hatte und bis 22. Dezember noch viermal gezeigt wird, ist in ihrer Direktheit und Ungeschminktheit exemplarisch geworden. Das ist auch dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien (RSO) unter seinem Chefdirigenten Cornelius Meister zu verdanken. Forciert und akzentuiert lässt Meister die hoch expressive Musik, bei der sich die inneren und äußeren Konflikte unmittelbar in schroffe musikalische Gebirge auftürmen, die im nächsten Moment in Abgründe stürzen lassen, umsetzen, ohne je etwas zu verschleifen oder zu glätten. Immerhin geht es in der Geschichte des Fischers, dessen junger Gehilfe unter aufklärungswürdigen Umständen zu Tode gekommen ist, und der trotz Warnungen erneut einen Lehrling aufnimmt, nicht nur um innere Dramen: So, wie die Dorfgemeinschaft aufgewühlt ist, so ist es auch die Natur. Peitschender Sturm und schäumende Wellen finden in Brittens Musik zur Genüge Ausdruck.

Umso sinnvoller, dass Bühnenbildner Johannes Leiacker sich gar nicht auf pittoreske Fischer-Dörfer oder Küsten- und Klippen-Landschaften einlässt, sondern einfach eine große, schiefe Spielfläche bereitstellt, an deren vorderer Kante ein simples Holzbett steht, das bereits halb in den Orchestergraben zu kippen scheint. Das gab Loy und dem Choreografen Thomas Wilhelm Gelegenheit zu intensiver Arbeit mit dem abermals glänzenden Arnold Schoenberg Chor, der ständig in Bewegung ist und die Phalanx der Dorfbewohner gegen den Außenseiter stimmlich wie bildlich in immer neuen Anläufen zum Ausdruck bringt.

Der kanadische Tenor Joseph Kaiser bringt in der sehr intensiv gezeichneten Beziehung zu seinem Gehilfen John (der polnische Tänzer Gieorgij Puchalski zeigt in der stummen Rolle hohe Präsenz und Ausdruckskraft, eine ideale Besetzung) starke Körperlichkeit ein, während er stimmlich mitunter Sicherheit und Strahlkraft vermissen lässt.

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Als eindeutig beste Sängerin des dreistündigen Abends erweist sich die schwedische Sopranistin Agneta Eichenholz als Lehrerin Ellen, die Peter Grimes in tiefer Zuneigung verbunden ist und sein Drama vergeblich aufzuhalten versucht. Hier ist nichts eindeutig, werden viele Facetten einer Persönlichkeit spürbar - ähnlich wie bei Andrew Foster-Williams‘ Balstrode, der seinen eigenen Weg zwischen Gefühlen und Konventionen zu gehen versucht. Auch die Nebenrollen - wie Hanna Schwarz als Kneipenwirtin, Stefan Cerny als beschwichtigender Mr. Swallow oder Lukas Jakobski als hünenhafter Fuhrmann - sind gut besetzt.

Auf die beeindruckend vorgeführten Zerrissenheit folgte seltene Einmütigkeit: Am Ende der Premiere gab es zu Recht großen, einhelligen Jubel für eine Aufführung, an der nahezu alles stimmt.

(S E R V I C E - „Peter Grimes“, Musik von Benjamin Britten, Libretto von Montagu Slater, In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln, Inszenierung: Christof Loy, Bühne: Johannes Leiacker, Kostüme: Judith Weihrauch, Choreographie: Thomas Wilhelm, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Musikalische Leitung: Cornelius Meister. Theater an der Wien, Weitere Aufführungen: 14., 16., 20., 22.12., 19 Uhr, Karten: 01 / 58885, www.theater-wien.at)


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